Die Zugstrecke von Kandy nach Ella wird als eine der schönsten Zugstrecken der Welt gehandelt. Um hier einen Sitzplatz zu reservieren, muss man bereits Wochen im Voraus buchen. Am Morgen des gewünschten Reisetages gibt es dann außerdem die Möglichkeit, ein Ticket ohne Reservierung und dafür auch ohne Anspruch auf einen Sitzplatz zu kaufen…
Ich bin bereits um 7.45Uhr am Bahnhof in Kandy, obwohl der Zug erst um kurz vor 9 startet, da mir prophezeit wurde, dass viele Leute am Morgen vor dem Ticketschalter auf eines der Tickets warten würden und werde nicht enttäuscht. Wie ich das Bahnhofsgebäude betrete, ist die Schlange vor dem Ticketschalter glücklicherweise noch nicht allzu lange und nach wenigen Minuten halte ich fröhlich mein Zugticket nach Ella in der Hand, das den stolzen Preis von umgerechnet ziemlich genau EUR 1,25 hat.
Gegen 8.45Uhr fährt dann der Zug in Kandy am Gleis 2 ein und die Menschenmenge, die in den letzten 60 Minuten deutlich Zuwachs bekommen hat und sich auf beiden Seiten des Gleises für den Einstieg in Position gebracht hat, wird unruhig. Als der Zug schließlich stoppt, springen die Passagiere in den Zug und unter Gedrücke und Gedränge versucht jeder, einen möglichst guten Platz zu ergattern. Die letzten verfügbaren Sitzplätze sind umgehend besetzt und nachdem auch die Gänge der Waggons voll besetzt sind, wo es wenigstens noch Möglichkeiten gibt, um sich während der holprigen Fahrt irgendwo festzuhalten, verlagert sich die Masse in die Vorräume der Anhänger, in denen sich die Toiletten sowie die Ein- und Ausstiege zum jeweiligen Wagen befinden. Das Schicksal meinte es hier nicht sehr gut mit mir; wie der Zug stoppt, befinde ich mich direkt vor der Türe zum Waggon mit den reservierten 2.Klasse-Sitzplätzen, die noch abgeschlossen ist. Doof.
Was für mich voll erscheint, da die Leute vereinzelt bereits außen am Waggon auf den Stufen stehen, ist für den Schaffner lediglich herausfordernd und so läuft er gemeinsam mit mir über den Bahnsteig die Wagen entlang, bis er mich in einen weniger als die anderen vollen Anhänger-Vorraum reindrückt. So stehe ich da nun also und der Zug setzt sich in Bewegung…immerhin nicht verpasst.
Wie im Kino, wo die Silhouette der Köpfe der vorderen Reihen kurz nach löschen des Lichts nach unten, tiefer in den Sitz und raus aus dem eigenen Blickfeld sinken, werden auch hier die Menschen nach den ersten Minuten entspannter. Die Rucksäcke gleiten von den Schultern, die Gepäckstücke werden platzsparender verstaut und jeder findet einen guten Stand. Mein großer Backpack findet so an der Wand hinter einer jungen Dame Platz, die sich ihrem freundlichen Strahlen zufolge freut, als ich ihr zu verstehen gebe, dass sie sich da gerne auch anlehnen oder draufsetzen darf.
Nach den ersten Haltestellen wird es in unserem Vorraum, der zu Beginn wirklich voll war, etwas leerer und nach etwa 90 Minuten finde ich schließlich einen bequemen Stand direkt an der Wand, an die ich mich ab sofort anlehnen kann, während mir durch die offenen Türen der erfrischende Fahrtwind ins Gesicht bläst und ich etwas von der Außenwelt sehen kann, die gemütlich an uns vorbeizieht. Etwa 5 Stunden Fahrt haben wir noch…und ich nütze die Gelegenheit, um ein paar meiner Blog-Beiträge zu verfassen.
Gefühlt etwas mehr als die Hälfte der Fahrgäste verlässt schließlich bereits in Nuwara-Eliya den Zug und die neu Zugestiegenen verteilen sich auf die frei gewordenen Sitzplätze, wodurch die Türe zu unserem Waggon ab sofort frei ist. Als sich unser Zug für das zweite Etappenstück wieder in Bewegung setzt, stelle ich mich in die offene Tür, halte mich an den beiden Handgeländern an der Außenseite des Waggons fest und strecke meinen Kopf dem Fahrtwind entgegen. Nach all den warmen Ländern der letzten Wochen tut es gut, wieder einmal kühlere Luft zu spüren, zumal die Zugstrecke über die höchste Region der Insel führt und man spüren kann, wie sich die Lufttemperatur verändert hat. Der Zug windet sich gemütlich durch die grüne Natur Sri Lanka’s, vorbei an riesigen Tälern mit atemberaubendem Ausblick, um grün bewachsene Hügel herum, durch Wälder mit riesigen Bäumen, durch urige Tunnel und über altertümliche Brücken hinweg. Hier, so direkt am Einstieg zu stehen und sich lediglich etwas ins Wageninnere zu lehnen, wenn einer der Büsche unweit des Schienennetzes zu weit in den Weg hineinragt oder wenn einer der zahlreichen, kurzen Tunnel näherkommt, löst ein Gefühl von unbändiger Abenteuerlust aus. Der Anblick dieser wundervollen Landschaft lässt mein Herz höher schlagen und ja, ich komme aus dem Staunen nicht heraus. Eben noch durch ein wundervolles Stück Laubwald gefahren, bei dem ich unweigerlich kurz an die schönen Waldwege im Gebiet rund um die Silberlinde bei mir zuhause denken muss, fahren wir im nächsten Moment durch einen Tunnel…dunkel…und ich blicke, wie wir nur einen Augenblick später wieder ins Tageslicht fahren, direkt vor mir in eine weit über 100 Meter tiefe Schlucht, so dass mir ein ehrfurchterregendes “WOUW” entweicht.
Wer davon spricht, dass es sich bei dieser Zugstrecke, auf Sri Lanka, von Kandy nach Ella, um eine der schönsten Zugstrecken der Welt handelt, den werde ich ganz bestimmt nicht korrigieren…denn ich kann nachvollziehen, wieso er das behauptet.







