Indien, das zweitbevölkerungsreichste Land der Erde. 1,3 Milliarden Menschen. Davor Sri Lanka, ein Land, in dem mehr als die Hälfte der Bewohner weniger als 5 Euro pro Tag verdient. In diesen Ländern ist mir stärker den je bewusst geworden, wie ruhig es in meiner Heimat eigentlich zugeht und wie gut wir es haben. In diesen beiden Ländern steht der Verkehr nie still, das Hupen der unterschiedlichen Fahrzeuge ist allgegenwärtig und auf den Gehwegen und Seitenstreifen tummeln sich rund um die Uhr verschiedenste Händler mit ihren Ständen, ganze Rudel von Straßenhunden, die deutlich kränker und abgemagerter aussehen, als deren Verwandte in den südostasiatischen Ländern, Menschen jeden Alters und überall liegt Müll. Kaum ein Weg ist beschreitbar ohne unzählige Male gefragt zu werden, wo es hingeht, ob man helfen soll oder ob man was kaufen will. So viele Menschen, so viel Armut und Lebensfreude zugleich, kulturell so unvorstellbar anders.
Malaysia, das Land, welches ich spontan als Sprungbrett über den indischen Ozean genutzt habe und wo ich in Kuala Lumpur überraschend in einer Mädels-WG gestrandet bin bzw. meine erste Couchsurfing-Erfahrung machen durfte. Malaysia war nach der Türkei der erste Staat für mich, in dem die Mehrheit der Bevölkerung dem Islam angehört, was mir im Stadtpark der Hauptstadt unweit der beiden Petronas Towers an einem Abend unweigerlich ins Bewusstsein gerufen wurde. Eine Freundin, die ich in Kuala Lumpur kennenlernen durfte und die mir die Stadt zeigte, stand gemeinsam mit mir vor den großen Zwillingstürmen, um ein Springbrunnen-Konzert zu bestaunen, dass hier jeden Abend nach Einbruch der Dunkelheit stattfindet. Es hatte stark geregnet, wodurch wir unter dem Vordach einer der Haupteingänge der Petronas Towers standen. Der Boden war regelrecht überflutet worden. Alles war nass. Als es endlich aufgehört hatte zu regnen und das Konzert vorbei war, entschieden wir uns dazu, eine Runde durch den hinter den Türmen liegenden Stadtgarten zu spazieren. Wir waren noch nicht weit gekommen und hatten gerade erst die Menschenmengen hinter uns gelassen, als der Muezzin vom Minarett der Masjid Asy-Syakirin begann, die Gemeinde zum Gebet aufzurufen, indem er laut den Namen Allahs sang. Um uns herum lang nun nur der stille Park, keine Menschenseele war mehr zu sehen. Ich wandte meinen Blick nach oben und sah die dunkelvioletten dicke Gewitterwolken bedrohlich am Firmament hängen und es schien, als würde eine fremde Macht über uns schweben. Erneut ertönte der langgezogenen Gesang des Muezzin “Allaaaaaaaah”. Ehrfurcht machte sich in mir breit und ich begriff augenblicklich wieder einmal, wie unvorstellbar mächtig der Glaube an etwas sein kann. Es schien, als würde Allah in diesem Moment durch die Gewitterwolken zu uns herabschauen. Bei dem Gedanken an diesen Moment bekomme ich noch immer Gänsehaut.
Myanmar oder auch Burma, ein Land, dass vom Massentourismus bisher verschont blieb; nirgends sonst habe ich Menschen getroffen, die so vertrauensvoll und wohlwollend mir gegenüber waren. Menschen, die sich voller Interesse meine Reisegeschichten anhörten, die sich nach meiner Meinung zu ihrem Heimatland informierten und die mir versuchten, ein Bild über die derzeitige politische Lage ihres Landes aufzuzeigen. Myanmar war sehr besonders für mich!
Thailand, das Juwel Asiens. Thailand ist ein Geschenk an die Menschheit und immer und immer wieder zu bereisen wert. Im Süden traumhafte Strände und unzählige Inseln, auf denen man die Seele baumeln lassen kann. Oben im Norden wundervolle Berglandschaften, Urwald, ein etwas kühleres Klima. Liebe Menschen, gutes Essen, magische Orte voller Kultur und Geschichte. Damals, auf meiner ersten Asienreise, bin ich von München nach Bangkok geflogen und habe mich nach meiner Ankunft direkt in diese wunderbare Stadt verliebt. Heute kann ich sagen, dass ich hier mal Silvester gefeiert habe. Sukhothai, einer der magischsten Orte all meiner Reisen. Chiang Mai, die Stadt im Norden, die ich dieses Mal als Basislager auserkoren habe, von wo aus ich meine Trips startete und in der ich insgesamt 2 ½ unvergessliche Wochen verbringen durfte. Chiang Mai, wo ich für mich ganz arg besondere Menschen kennenlernen durfte. Chiang Mai, wo ich mit ganz arg besonderen Menschen Weihnachten feierte.
Nach Thailand hatte mich ein Boot auf dem Mekong River gebracht. Von Luang Prabang in Laos aus. Laos war das erste, für mich neue Land auf meiner Reise und hat mich auf meiner Reise erst so richtig ankommen lassen. Gerne denke ich an den Abend zurück, als ich mit einem Freund aus Brisbane in Luang Prabang am Ufer des gigantischen Mekongs ein Bierchen trank, während die Sonne langsam hinter den nordlaotischen Karstbergen unterging. Laos hat leider wie jedes Land Südostasiens seinen Bezug zum Indochinakrieg, was mir erst im Osten des Landes, in Phonsavan, so richtig bewusst wurde. Laos ist das am stärksten bombardierte Land der Welt und leidet bis heute unter nicht detonierten Sprengsätzen, die immernoch im ganzen Land verstreut unter der Erde liegen.
Nach Laos rein kam ich über die Gebirgspässe im Norden. Aus Vietnam. Leider hatte ich bei meinem zweiten Besuch in diesem schönen Land, dass sich rechts von Laos und Kambodscha am Meer entlang erstreckt, kein besonderes Glück mit dem Wetter und durfte das Land dieses Mal von seiner kalten, nebligen und regnerischen Seite kennenlernen. Und trotzdem war es schön! Vietnam ist gemütlich, vielleicht etwas verschlafen, vor allem aber freundlich und interessiert. Ein armes Land, das reich ist an Historie. Ein Land, in dem ich auch während meines zweiten Aufenthalts so unfassbar viele Eindrücke sammeln und wundervolle Dinge erleben durfte.
…und all diese Eindrücke machen mich müde. 5 ½ Monate sind um, in denen ich mit meinem Rucksack durch die Länder Südostasiens gereist bin. Ich habe unzählige liebenswürdige Menschen getroffen, von denen manche sogar zu Freunden wurden. Ich habe viele besondere, kulturelle und historische Plätze betreten, an denen wortwörtlich Magie zu spüren war. Ich hatte leider auch einige gesundheitliche Abenteuer: In der Hauptstadt Vientiane in Laos litt ich eine Woche lang unter einer üblen Magenverstimmung, in Thailand habe ich die Begegnung mit gleich zwei thailändischen Krankenhäusern gemacht, wobei in einem der beiden Häuser der behandelnde Arzt die Taschenlampe-App seines Smartphones dazu verwendet hat, um in meinen Rachenraum zu schauen. In Malaysia und Indien machte mir einer meiner Backenzähne üble Schwierigkeiten und auf Sri Lanka machte ich die Bekanntschaft mit einer sehr qualifizierten Dermatologin, nachdem ein übel juckender Hautausschlag meinen Körper für ein paar Tage befiel.
Zu letzterem fällt mir grad spontan wieder der aufbauende Spruch einer sehr guten Freundin aus Australien ein: “Mach dir keine Gedanken, Andi; du bist in Asien. Da gibt’s so Zeug immer wieder mal”. Die gleiche Freundin machte mir übrigens bei meinem ersten Aufenthalt in Down Under mit dem Satz “Wenn dich etwas sticht, kratzt oder beißt, dann geh vorsichtshalber immer erstmal davon aus, dass es giftig war” Mut. Vielen Dank nochmal dafür, Lumpinchen!
Ich hatte viele interessante Gespräche über Gott und die Welt, unterhielt mich mit vielen Menschen über deren unterschiedlichste Weltanschauungen und deren Sicht auf den Sinn des Lebens. Englisch wurde zu meiner Muttersprache, Englisch wurden meine Gedanken. In Mandalay, Myanmar hatte ich schließlich eine regelrechte Glaubenskrise, durch welche ich an einem Sonntagmorgen zur Frühmesse um 6.00Uhr in die christliche Kirche pilgerte, nachdem ich bereits den Vorabend über in der Kirchenbank verweilte. Mein Anliegen auf all meinen Reisen war stets, nah an den Einheimischen dran zu sein, den Alltag der Menschen zu verstehen, das Land von seiner authentischen Seite kennenzulernen und abseits der typischen Touristenpfade zu wandern. Meinem Anliegen bin ich gerecht geworden.
Irgendwann verändert sich leider der Blickwinkel etwas und was ursprünglich begeisterte, wird mit der Zeit alltäglich und normal. War ich zunächst noch an jeglichem Gotteshaus, Tempel, Fundort antiker Artefakte interessiert, schleicht sich nach einer Weile eine leichte Form von Gleichgültigkeit ein. Die einzelnen Dinge werden nicht mehr mit der Begeisterung und der Interesse wie noch zu Beginn begutachtet und wertgeschätzt. War es Anfangs für mich noch lebenswichtig, die landeseigenen Worte für “Hallo”, “Tschüss”, “Danke”, “Bitte” und “Alles Gute für dich” zu kennen, gab ich mich irgendwann mit “hello”, “thank you” und “take care” zufrieden. Man kann sich alle die Begrifflichkeiten irgendwann schlicht auch nicht mehr merken, wenn sich die Sprache alle vier bis sechs Wochen ändert. Und in Myanmar oder auch Indien zum Beispiel hat sogar jeder Stamm und somit jede Region ihre individuelle Sprache…
Ich bin schließlich nun an einem Punkt angekommen, an dem mein Geist eine Pause braucht und diese auch verlangt. Das Reisen ist schön, vor allem wenn man es mit wachen Augen betreibt, was in meinem Fall zuletzt nicht mehr gegeben war. Ich habe mir daraufhin in den letzten Tagen nun Gedanken zu meinen nächsten Schritten gemacht und mich dazu entschlossen, weiter nach Deutschland zu gehen. Nachhause zu gehen. Meine Liebsten wieder einmal in die Arme zu schließen und mir eine Pause zu gönnen. Aus “Reisen auf unbestimmte Zeit” wurde so nun also “Reisen für 5 ½ Monate”. Und das ist ok. Vielleicht müssen es gar nicht die riesigen Reisen über Monate hinweg sein…ist der Mensch nicht auch ein Rudeltier, dass dazu geboren ist, sich an einem Platz niederzulassen, an dem es sich wohlfühlt? Reisen verändert und mir persönlich tut reisen ungemein gut.
To be continued…






















































