Varanasi. Sie gilt als eine der ältesten Städte Indiens und heiligste Stadt des Hinduismus. Bereits 1.200 Jahre vor Christus entstand sie entlang einer Rechtsbiegung auf der linken Uferseite des Ganges, dem heiligen Fluss der Hindus, den Anhängern einer der fünf größten Religionsgemeinschaften auf unserer Erde.
Unser Guesthouse liegt nur wenige Meter vom Flußufer entfernt und befindet sich somit in einem der ältesten Viertel der Stadt. Anhand der Gebäude kann man sehen, wie sich die Baustile im Laufe der Jahrhunderte verändert haben. Hier reihen sich Gebäude an Gebäude; die meisten beherbergen im Erdgeschoss ein Restaurant oder ein Verkaufsgeschäft und in den oberen Stockwerken befinden sich Wohnräume. Manche Gebäude sind sehr schmal, andere sehr hoch, jedes erstrahlt in einem eigenen Anstrich von quietschbunt bis Rohbau-grau. Hier gibt es keine Ordnung. Zwischen den Gebäuden ziehen sich schmale Gässchen hindurch, für Autos oder auch Tuk Tuks zu schmal, für zwei Personen nebeneinander gerade richtig, wenn niemand entgegenkommt. Trotz der Enge herrscht lebhaftes Treiben in den kleinen, schummrigen Gässchen. Die Ladenbesitzer bieten lautstark ihre Waren an, die Restaurantbesitzer werben mit ihrer Speisekarte. Hier wird verhandelt, dort wird gefeilscht, hinter mir vernehme ich das Hupen eines Motorrades, dessen Fahrer sich durch die engen Gassen manövriert. Wie viel Uhr es ist, kann ich lediglich erahnen; schaue ich nach oben, so erspähe ich hoch oben zwischen den Gebäuden Tageslicht. Es ist noch hell “draußen”.
Unser Weg führt uns zum Ganges, dem heiligen Fluß. Als ich das Labyrinth aus Gebäuden des Hafenviertels schließlich hinter mir lasse, ist es, als würden wir eine andere Welt betreten. Vor mir führen steil Steintreppen nach unten und münden in einem befestigten Kai, hinter dem sich die schweren Wassermassen des mächtigen Stroms dahinschieben. Der gigantische Ganges zieht hier in einer großen Kurve nach rechts weiter und auf der gegenüberliegenden Flußseite ist…nichts. Mir eröffnet sich eine Einöde, die sich Hunderte von Metern hinter dem Riesen dahinstreckt. Ich kann ein paar Zelte auf der anderen Flußseite erkennen, einzelne Menschen, die im Fluss baden oder sich in die Einöde dahinter wegbewegen, eine Hand voll Boote, die Passagiere in beide Richtungen über den Fluss transportieren. Hinter der schier endlosen Fläche aus weißem Sand kann ich die Silhouette von undefinierbaren Dingen ausmachen. Vermutlich die gegenüberliegende Uferböschung. Während der Monsunzeit in den europäischen Herbstmonaten ist die gesamte Sandlandschaft den Erzählungen nach nicht zu sehen, da sie sich der Ganges für diesen Zeitraum zurückholt und mit seinen Fluten bedeckt.
Ich steige ein paar Stufen nach unten und stelle fest, dass die einzelnen Stufen unterschiedlich breit und individuell hoch sind, was den Abstieg zum Kai deutlich erschwert. Auf halber Strecke halte ich inne. Der Ganges bringt eine leichte Brise mit sich, es riecht nach nassem Holz und Fisch. Wie ich nach links und rechts blicke, sehe ich die berühmten Ghats entlang des Ganges liegen. Breite Treppen aus Stein, die in regelmäßigen Abständen von der Hafenpromenade zum heiligen Wasser hinunterführen.
Hinter den Ghats die Treppen hinauf ragen in beide Richtungen hohe Mauern, Tore und massive Stadtgebäude wie eine Felswand empor und wie ich mich zurückdrehe und zu dem kleinen Durchgang schaue, durch den mich mein Weg gerade hindurchgeschleust hat, so haben die beiden gewaltigen, aus massivem Stein und mich an mittelalterliche Ritter und Heldengeschichten erinnern lassenden Gebäude den Durchgang fast schon wieder verschluckt. Ich fühle mich winzig im Schatten dieser riesigen Übermacht aus Stein und Beton.
Wir laufen an den künstlich angelegten und bereits uralten Ghats entlang Flussabwärts. Die massive Steinfront auf der linken und die schweren Wassermassen des Ganges auf der Rechten, habe ich Indien im Rücken und Indien vor mir. Ich sehe Gläubige, die sich in den Fluten des heiligen Stroms reinwaschen und Kinder, die miteinander spielen, sich einen Ball zuwerfen, sich gegenseitig unter Wasser tunken. Ich erblicke Frauen, die in den Fluten Wäsche waschen und Kühe, die sich im Fluss ein Bad gönnen, sich von der schwülen Nachmittagshitze abkühlen. Wie wir schließlich das Ende der Flußbiegung erreichen, erreichen wir den Hauptverbrennungsplatz Varanasis. Nun erspähe ich in dem sagenumwobenen Fluss in weiße Laken eingewickelte Leichname, denen der Ganges im Vorüberziehen die letzte Waschung schenkt.
Bereits von weitem sehen wir die Feuer lodern. Der große Platz ist dunkel gefärbt von Ruß und Asche, kein Pflänzchen wächst hier, kein Tier streunt hier umher. Bis auf die Kühe. Die sind überall. Wie wir näherkommen, empfängt uns ein freiwillig dort arbeitender Platzwart und bietet uns freundlich an, uns über das Areal zu führen. Wir überqueren den großen Verbrennungsplatz, der stufenweise vom Wasser zur Stadt hin ansteigt und abhängig der Kaste, zu der die einst Lebenden gehört haben, auf den unterschiedlichen Ebenen Verbrennungsstellen zur Verfügung stellt. Ich schaue mich um. Im Moment brennen auf den unterschiedlichen Ebenen insgesamt sieben Feuer, eines davon in einem nochmal separat abgetrennten und besonders weit oben am Berg angelegten Raum, der für Politiker und andere hohe Personen der Öffentlichkeit vorbehalten ist. Insgesamt fasst der Platz Verbrennungsstellen für schätzungsweise etwa dreißig Leichname, die hier gleichzeitig bestattet werden können. Wir steigen über eine kleine Treppe Richtung Stadttor hinauf und weichen kurz vor Erreichen der letzten Stufe einem neuen Trauerzug aus, der einen leblosen Körper in Leinentücher eingewickelt Richtung Flussufer trägt. Oben angekommen, schauen wir in das Gebäude zu unserer Linken, aus dem uns trockene Hitze entgegenströmt. Hier lodert das Feuer, welches die Scheiterhaufen entzündet. Laut unserem Freund seit hunderten von Jahren ohne je ausgegangen zu sein. Eine der alten Familien Varanasis kümmerte sich durch die Jahrhunderte hindurch um den Erhalt der alten Flammen und gibt ihre Bestimmung bis heute von Generation zu Generation weiter. Welch ehren- und verantwortungsvolle Bürde. Wir gehen an dem alten Gebäude vorbei und folgen dem kleinen Weg, der nach links führt. Holz. Vor uns liegen, zu Haufen aufgeschüttet, unzählige Holzscheite verschiedenster Bäume. Unter einem kleinen Bretterverschlag befindet sich eine provisorisch errichtete, verrostete, große Waage aus Eisen. Für einen erwachsenen Menschen werden 30 Kilogramm Holz benötigt. Wenigstens 3 Kilogramm Zedernholz ist Pflicht. Ist zwar teurer, neutralisiert allerdings die typischen Gerüche von verbranntem Fleisch und verbrannter Haut.
Im Moment ist niemand hier, trotzdem reicht das ganze Holz, dass hier aufgetürmt ist, lediglich für ein paar Tage. Manche indische Familien sparen Jahre, um das Geld für das Holz in der Hinterhand zu haben. Der Platz an der Waage ist intensiv.
Vom Holz weg führt uns unser Weg vor ein altes Haus, dass einer Ruine gleicht und so zur Stadt hin errichtet wurde, dass es den offenen Verbrennungsplatz und die brennenden Feuer wenigstens ein klein wenig vom indischen Chaos der übrigen Stadt abgrenzt. Die Fassade ist großteils bereits abgebröckelt, die Fenster sind scheibenlos und dahinter liegt Dunkelheit. Laut unserem Begleiter wohnen hier die Ärmsten der Alten. Zu schwach, um zu arbeiten, zu alt und zu krank, um vom Leben zu träumen, warten sie hier auf den Tod. Eine alte Frau sitzt vor dem Eingang und sammelt Spenden für die alten Teufel. Für 300 indische Rupie, was etwa 3,80 Euro entspricht, gibt es ein Kilogramm Holz…und als ich ihr das Geld für ein Kilogramm gegeben habe, verrate ich ihr meinen Namen und mein Heimatland, woraufhin sie mir die Hand auflegt und für meine Familie und mich betet.
Wir verlassen den Verbrennungsplatz und begeben uns Richtung Innenstadt zurück und weg vom Fluss. Shelby hat Durst bekommen und so halten wir bei einem der unzähligen, kleinen Straßenstände an, um Wasser zu kaufen. Wie wir dem Händler, der in meinem Alter um die dreißig sein dürfte, auf seine Frage hin erzählen, von wo wir gerade kommen, erzählt er uns freudestrahlend: “Ich kenne den Platz. Wenn ich alt bin und sterbe, werde ich dort auch verbrennen…”.
Varanasi…so habe ich mir das alte, sagenumwobene Indien vorgestellt. Hier in Flußnähe scheint die Zeit stillgestanden zu sein…in der Stadt der Ewigkeit. In der Stadt des Todes. In der Stadt Shivas. Varanasi.














