Mein Weg führt mich von Phonsavan zurück nach Luang Prabang, von wo aus ich in den nächsten Tagen irgendwann per Boot nach Thailand übersetzen möchte. Ich freue mich darauf, Luang Prabang nochmal zu sehen und ein paar schöne Tage in vertrauter Umgebung zu verbringen.
Ich habe mich dazu entschieden, für meinen zweiten Aufenthalt in Luang Prabang eine Unterkunft etwas mehr in zentrumsnähe zu buchen und stoße schlussendlich bei booking.com auf das Chitlada Central Billa Hostel. 9,3 von 10 Punkten. 50.000LAK (5,00€). Als ich im Hostel ankomme, ist alles wie üblich: Die Schuhe werden draußen vor der Tür ausgezogen und der Eingang führt in einen großen Aufenthaltsraum, in dem sich ein paar Tische, ein Fernseher an der Wand, das “Wasserloch” (hier gibt es kostenlos Instant-Coffee und Tea) und die Rezeption befinden. Die Wand rund um das große Rezeptionsfenster ist tapeziert mit weißen DIN-A4-Seiten voller Ticket-Angebote für Tagestouren und Busfahrten in Städte von Westvietnam bis rüber in den Osten Thailands. Ich werde freundlich begrüßt (inkl. typischem asiatischen Lächeln) und einem Zimmer zugeteilt. Zimmer No.5.
Durch einen langen Gang gelange ich tiefer ins Gebäude. Zimmer No.5 befindet sich ganz hinten, einen kleinen Treppenabsatz nach unten versetzt, auf der rechten Seite. Zimmer No.5 ist grob geschätzt 3 auf 3 Meter groß und es finden gerade zwei schräg zueinander gestellte Stockbetten sowie ein kleiner Schrank mit vier Schließfächern darin Platz. Zimmer No.5 hat kein Fenster, dafür aber ein eigenes, kleines Bad, dass gleich wie auch die Bettwäsche einen ordentlichen und sauberen Eindruck macht. Alles in allem eine runde Sache. Was möchte ich auch für 5,00€ erwarten!? Das obere Bett im Stockbett gerade aus ist frei und ich werfe meinen Rucksack auf die Matratze…
Gegen halb 11 öffnet sich zum ersten Mal die Tür und S. kommt herein. Ein etwa 170cm großer, recht schlanker südländischer Wuschelkopf mit Brille und einem durchaus interessanten Kleidungsstil. So trägt er sehr saubere, rote Nike-Schuhe, rote Strümpfe, die etwas über Kniehöhe unter schwarzen Shorts verschwinden, einen schwarzen Hoddie mit Front-Reisverschluss aber ohne Ärmel (oder nennt man das dann eine Weste mit Kapuze?) sowie eine Silberkette, wie sie B.A. vom A-Team dicker nicht tragen könnte. S. stellt sich freundlich vor und informiert mich vorsorglich auch darüber, dass er sehr betrunken ist. Er schmeißt sich in das Bett unter mir und erkennt wenig später, dass er eigentlich auch ziemlich hungrig ist, woraufhin er wieder aufsteht und nochmal loszieht, um etwas Essbares aufzutreiben.
Kurz vor Mitternacht schrecke ich aus dem Schlaf. S. ist zurück. Ob er etwas zu essen gefunden hat, weiß ich nicht; noch mehr Alkohol offenbar schon. Er steht schwankend im hell erleuchteten Zimmer und mault, sich am Wuschelkopf kratzend, irgendetwas unverständliches vor sich hin. Immernoch maulend legt er sich in sein Bett – es raschelt lange, es raschelt laut – und S. zündet sich ne Zigarette an. Links von mir, aus dem anderen, oberen Bett, meldet sich P. aus England zu Wort: “ey man! It’s not allowed to smoke in da room. Could you smoke outside please?”. S. wird laut, fragt P., ob es seine fucking Regel sei und verlässt dann stampfend den Raum (die Zimmertür bekommt er beim dritten Versuch zu). Eine Kippenlänge später kommt er zurück (die Zimmertür bleibt vorerst offen), lässt sich laut ins Bett fallen, dass das gesamte Gestänge daraufhin fürchterlich wackelt und beginnt kurz darauf sich darüber zu beklagen, dass er nicht schlafen kann. Er teilt allen Anwesenden mit, dass er jetzt zwei Valium-Tabletten zu sich nehmen wird (die man hier in Asien überall ohne Rezept kaufen kann) -Neues Geraschel, unzählige laute Schluckgeräusche, tiefe Seufzer- er macht das Licht aus. Stille. Weitere, undefinierbare Geräusche…ich öffne die Augen, um einen angenervten Blick in die Dunkelheit zu werfen…und erkenne Kerzenschein. Wirklich jetzt? Sein Ernst? Ich lege mir gerade die Worte für einen englischen Satz zusammen, da bläst S. die Kerze aus und beginnt mit dem Rotlicht seiner Taschenlampe im Raum rumzuflackern. Besser als offenes Feuer. Irgendwann schlafe ich ein; schläft er ein; ich weiß es nicht. Die Tiefschlafphasen bleiben gefühlt trotzdem aus, denn S. spricht im Schlaf. S. bewegt sich unruhig hin und her im Schlaf. S. schnarcht im Schlaf.
Immerhin finde ich Schlaf. Vorerst…denn ein Bett ist nach wie vor leer.
Es ist in etwa 3:30am, als die Tür zu unserem Dorm auffliegt. Welcher Nationalität der langhaarige, etwa 175cm große, stämmige Weiße entstammt, weiß ich nicht. Es interessiert mich auch nicht. Er haut das Licht regelrecht an, schmeißt sich auf sein Bett und beginnt damit, sich mit sich selbst zu unterhalten. P. meldet sich erneut zu Wort: “ey man! Could you take the light off, please? And don’t be so loud, it’s late and the peoples are try to sleep here!”. Den Neuankömmling interessiert das herzlich wenig und er realisiert stattdessen den Schnarcher in seinem Zimmer. “Waaah, he’s fucking snoring”, schreit er und beginnt, gegen das Bett von S. und somit auch das Bett von mir zu treten. Der Schlafrhytmus von S. wird unruhiger. Der Fremde klettert aus seinem Bett und stolpert zum kleinen schwarzen Schränkchen auf der anderen Zimmerseite. Er holt irgendetwas aus seinem Schließfach und beginnt die Tür seines Schließfachs gegen die Wand zu hämmern, während er im Takt dazu weiterhin lautstark “fucking snoring” ruft. Ich habe Angst, dass S. aufwacht, doch S. bleibt brav. Nach einer gefühlten Ewigkeit kehrt der Namenlose zu seinem Schlafplatz zurück, macht das Licht doch noch aus und hat offenbar den grandiosen Einfall, das Schnarchen mit dem Ventilator zu übertönen. Er aktiviert den Ventilator auf maximaler Geschwindigkeit und der Propeller setzt sich über meinem Kopf laut rauschend in Bewegung…immerhin ein monotones Geräusch…Schlafenszeit.
Am nächsten Morgen erwartet mich P. bereits vor der Tür und fragt mich, wie ich die Nacht gefunden habe. Ich habe mich zu diesem Zeitpunkt bereits dazu entschieden, unter keinen Umständen eine weitere Nacht in diesem Zimmer zu verbringen und P. pflichtet mir bei. Als ich meinen Entschluß kurz darauf völlig übermüdet der Rezeption gegenüber mitteile, werden mir erfreulicherweise umgehend drei andere Zimmer gezeigt und 10 Minuten später habe ich neue Zimmernachbarn. Ich liebe die asiatische Gastfreundlichkeit…oder war ich womöglich gar nicht der Erste mit Wechselwunsch?
Nachtrag: P. ist an diesem Morgen noch in ein anderes Hostel umgezogen und die anderen beiden habe ich die nächsten beiden Tage meist mit Alkohol in der Hand angetroffen. S. ist dann am dritten Tag aus dem Hostel geflogen. Mein restlicher Aufenthalt im Chitlada Central Billa Hostel war erholsam und ruhig.