Sri Lanka, Ella, Nine Arches Bridge

Sri Lanka, Land des Zuges. Nachdem mich mein Weg gestern auf den Zuggleisen Richtung Süden geführt hat, nehme ich heute die andere Richtung. Über die einzelnen Schwellen aus altem Holz gehend, über alle zwei Schwellen springend, auf einer der beiden Schienen dahin balancierend, neben dem Gleis trottend, ist mein Ziel die etwa 45 Minuten entfernte Nine Arches Bridge, die für ihre spezielle Bauweise bekannt ist. Wie der Name bereits ableiten lässt, fährt der Zug hier über neun Gewölbebogen aus Stein hinweg.

Als ich an der Brücke ankomme, befinden sich überraschend viele Touristen auf dem Bauwerk und ich erfahre im Vorbeigehen, dass der Zug bald kommt, was die Menschen hier alle warten lässt. Die hier wartenden Menschen warten also darauf, dass ein Zug über eine Brücke fährt. Die Menschen stehen an den Gleisen, einige sind bereits auf den nahegelegenen Berg geklettert, um den Zug noch besser sehen zu können. Ein Schauspiel, dass vermutlicher schneller vorbei ist, als es überhaupt angefangen hat. “Ah, schau mal!”, beim Durchblättern des Fotoalbums, “das war während unseres Sri Lanka-Aufenthalts im Frühjahr 2018…da ist damals der Zug hier über die Brücke gefahren”. Dabei ist der Zug noch nicht mal sonderlich hübsch. Die Brücke ist es. Massiv aber durch die schmale Bauweise und die geschwungenen Bögen gleichzeitig elegant steht sie in einer kleinen Senke und verbindet die beiden höhergelegenen Seiten des Tals stilvoll miteinander. Aus einfachen Backsteinen erbaut und aus einem Meer kleiner Tee-Bäume herausragend versprüht sie ihren Charme. Ein schönes Bauwerk.

So, und was den Zug und die Überfahrt angeht…gut, ich meine…wenn ich schonmal da bin!? Den Standpunkt der anderen Leute berücksichtigend und die Umgebung mit meinen Augen auskundschaftend entscheide ich mich für eine Stelle auf der anderen Seite des Talkessels, von wo aus ich auf einem Zug-Brücken-Foto die ganzen Touristen ausgrenzen kann. Gut, ein Foto mit der Innenseite der Brückenbiegung wäre schöner…aber eben auch bevölkerungsreicher. Ich überquere die Brücke zurück zur anderen Seite, halte mich links und verlasse den Hauptweg auf einen kleinen Pfad. Unter Ästen hindurchbückend, durchs hohe Gras watend, am Abgrund entlang hangelnd, auf einen Steinhaufen kletternd, stehe ich 15 Minuten später auf meiner zuvor erspähten Position inmitten von ein paar Bäumen. Wenige Zentimeter weiter runter in die Hocke gehend, habe ich die Brücke schön im Blick. Definitiv eine besondere und seltene Perspektive auf das schöne Bauwerk. Ich nehme meinen Fotoapparat in Anschlag, nehme meine auf die Situation angepassten Einstellungen vor, setze die Fokussierung und stehe wieder hin, weil ich in dieser Position unmöglich längere Zeit verharren kann. Während mich das Gras in den Kniekehlen kitzelt und sich die Moskitos an mir vergehen, wird es dunkler…und ich hab bald ein Bild vom Zug. Die Minuten vergehen und nichts passiert. Nach 10 Minuten korrigiere ich die Einstellungen meiner Kamera, da es inzwischen spürbar dunkler geworden ist. Weiter wartend und bereits überlegend, wie lange die Meute hier wohl warten würde, wenn der Zug aufgrund eines Defekts überhaupt nicht erscheinen würde, höre ich das Signalhorn. Ein zweites Mal, ein drittes Mal und dann ist er da. Langsam rattert er über die Nine Arches Bridge hinweg. Ich gehe wieder leicht in die Hocke, nehme meine Kamera in den Anschlag und…klick…klick…schieße meine Fotos.

Etwa eine Minute später ist der Zug hinter der nächsten Biegung verschwunden. Ich packe meine Kamera in meinen Rucksack und mache mich eilig in Richtung der Gleise auf. Wenn ich mich beeile, bin ich mit meinem Zug-Brücken-Foto vor den Anderen in Ella.

Ich alter Touri…

Sri Lanka, Zugfahrt von Kandy nach Ella

Die Zugstrecke von Kandy nach Ella wird als eine der schönsten Zugstrecken der Welt gehandelt. Um hier einen Sitzplatz zu reservieren, muss man bereits Wochen im Voraus buchen. Am Morgen des gewünschten Reisetages gibt es dann außerdem die Möglichkeit, ein Ticket ohne Reservierung und dafür auch ohne Anspruch auf einen Sitzplatz zu kaufen…

Ich bin bereits um 7.45Uhr am Bahnhof in Kandy, obwohl der Zug erst um kurz vor 9 startet, da mir prophezeit wurde, dass viele Leute am Morgen vor dem Ticketschalter auf eines der Tickets warten würden und werde nicht enttäuscht. Wie ich das Bahnhofsgebäude betrete, ist die Schlange vor dem Ticketschalter glücklicherweise noch nicht allzu lange und nach wenigen Minuten halte ich fröhlich mein Zugticket nach Ella in der Hand, das den stolzen Preis von umgerechnet ziemlich genau EUR 1,25 hat.

Gegen 8.45Uhr fährt dann der Zug in Kandy am Gleis 2 ein und die Menschenmenge, die in den letzten 60 Minuten deutlich Zuwachs bekommen hat und sich auf beiden Seiten des Gleises für den Einstieg in Position gebracht hat, wird unruhig. Als der Zug schließlich stoppt, springen die Passagiere in den Zug und unter Gedrücke und Gedränge versucht jeder, einen möglichst guten Platz zu ergattern. Die letzten verfügbaren Sitzplätze sind umgehend besetzt und nachdem auch die Gänge der Waggons voll besetzt sind, wo es wenigstens noch Möglichkeiten gibt, um sich während der holprigen Fahrt irgendwo festzuhalten, verlagert sich die Masse in die Vorräume der Anhänger, in denen sich die Toiletten sowie die Ein- und Ausstiege zum jeweiligen Wagen befinden. Das Schicksal meinte es hier nicht sehr gut mit mir; wie der Zug stoppt, befinde ich mich direkt vor der Türe zum Waggon mit den reservierten 2.Klasse-Sitzplätzen, die noch abgeschlossen ist. Doof.

Was für mich voll erscheint, da die Leute vereinzelt bereits außen am Waggon auf den Stufen stehen, ist für den Schaffner lediglich herausfordernd und so läuft er gemeinsam mit mir über den Bahnsteig die Wagen entlang, bis er mich in einen weniger als die anderen vollen Anhänger-Vorraum reindrückt. So stehe ich da nun also und der Zug setzt sich in Bewegung…immerhin nicht verpasst.

Wie im Kino, wo die Silhouette der Köpfe der vorderen Reihen kurz nach löschen des Lichts nach unten, tiefer in den Sitz und raus aus dem eigenen Blickfeld sinken, werden auch hier die Menschen nach den ersten Minuten entspannter. Die Rucksäcke gleiten von den Schultern, die Gepäckstücke werden platzsparender verstaut und jeder findet einen guten Stand. Mein großer Backpack findet so an der Wand hinter einer jungen Dame Platz, die sich ihrem freundlichen Strahlen zufolge freut, als ich ihr zu verstehen gebe, dass sie sich da gerne auch anlehnen oder draufsetzen darf.

Nach den ersten Haltestellen wird es in unserem Vorraum, der zu Beginn wirklich voll war, etwas leerer und nach etwa 90 Minuten finde ich schließlich einen bequemen Stand direkt an der Wand, an die ich mich ab sofort anlehnen kann, während mir durch die offenen Türen der erfrischende Fahrtwind ins Gesicht bläst und ich etwas von der Außenwelt sehen kann, die gemütlich an uns vorbeizieht. Etwa 5 Stunden Fahrt haben wir noch…und ich nütze die Gelegenheit, um ein paar meiner Blog-Beiträge zu verfassen.

Gefühlt etwas mehr als die Hälfte der Fahrgäste verlässt schließlich bereits in Nuwara-Eliya den Zug und die neu Zugestiegenen verteilen sich auf die frei gewordenen Sitzplätze, wodurch die Türe zu unserem Waggon ab sofort frei ist. Als sich unser Zug für das zweite Etappenstück wieder in Bewegung setzt, stelle ich mich in die offene Tür, halte mich an den beiden Handgeländern an der Außenseite des Waggons fest und strecke meinen Kopf dem Fahrtwind entgegen. Nach all den warmen Ländern der letzten Wochen tut es gut, wieder einmal kühlere Luft zu spüren, zumal die Zugstrecke über die höchste Region der Insel führt und man spüren kann, wie sich die Lufttemperatur verändert hat. Der Zug windet sich gemütlich durch die grüne Natur Sri Lanka’s, vorbei an riesigen Tälern mit atemberaubendem Ausblick, um grün bewachsene Hügel herum, durch Wälder mit riesigen Bäumen, durch urige Tunnel und über altertümliche Brücken hinweg. Hier, so direkt am Einstieg zu stehen und sich lediglich etwas ins Wageninnere zu lehnen, wenn einer der Büsche unweit des Schienennetzes zu weit in den Weg hineinragt oder wenn einer der zahlreichen, kurzen Tunnel näherkommt, löst ein Gefühl von unbändiger Abenteuerlust aus. Der Anblick dieser wundervollen Landschaft lässt mein Herz höher schlagen und ja, ich komme aus dem Staunen nicht heraus. Eben noch durch ein wundervolles Stück Laubwald gefahren, bei dem ich unweigerlich kurz an die schönen Waldwege im Gebiet rund um die Silberlinde bei mir zuhause denken muss, fahren wir im nächsten Moment durch einen Tunnel…dunkel…und ich blicke, wie wir nur einen Augenblick später wieder ins Tageslicht fahren, direkt vor mir in eine weit über 100 Meter tiefe Schlucht, so dass mir ein ehrfurchterregendes “WOUW” entweicht.

Wer davon spricht, dass es sich bei dieser Zugstrecke, auf Sri Lanka, von Kandy nach Ella, um eine der schönsten Zugstrecken der Welt handelt, den werde ich ganz bestimmt nicht korrigieren…denn ich kann nachvollziehen, wieso er das behauptet.

Sri Lanka, Kandy

Nach weiteren zwei Tagen mit Ludek heißt es erneut “Goodbye” und während sich Ludek weiter Richtung Norden aufmacht, um dort einem Vipassana-Retreat beizuwohnen, fahre ich mit dem Local Bus ins zwei Stunden weiter südlich gelegene Kandy, die zweitgrößte Stadt der Insel.

Wie ich Kandy erreiche, erkenne ich sogleich eine seltsame Art von Beschaulichkeit, was mir sehr gut gefällt. Sicher, in Sri Lanka laufen die Uhren überall auf Hochtouren aber hier scheint jemand darauf zu achten, dass die Zeiger einigermaßen gleichmäßig die Runden drehen.

Der Zahntempel, the golden Canopy, ist sicher mit eines der wichtigsten Gebäude in Kandy und gleichzeitig der wichtigste buddhistische Platz in Sri Lanka, da er den Erzählungen nach einen der Zähne Buddhas beherbergt. Leider bleibt mir der Eintritt zum Tempel verwehrt. Am Wachpersonal komme ich noch vorbei, indem ich meine Schultern mit einem dünnen Pullover aus meinem Rucksack bedecke und ich fürs Verstecken meiner Knie den Sitz meiner kurzen Hosen im Gedenken an alte Zeiten unter meine Hüften ziehe. Baggy-Style. Als ich wieder einmal vor einem Kassenhäuschen stehe, an dem die Ausländer zur Kasse gebeten werden, werde ich jedoch stinkig und entscheide mich dazu, die umgerechnet etwa EUR 8,00 nicht zu bezahlen. Der Betrag möchte gering erscheinen, für mich ist es allerdings ein Drittel meines Tagesbudgets. Das Drittel eines Tagesbudgets, dass ich durchaus bereit bin zu zahlen, wenn ich nicht in 15-20 Minuten durch etwas hindurch gejagt werde und kaum zum Wahrnehmen bzw. Erleben komme. Nach all den Ländern, die ich bisher besucht habe, muss ich leider feststellen, dass Sri Lanka bisher am dreistesten ist, was das Kassieren von Eintrittsgeldern angeht.

Betrübt entschließe ich mich dazu, die St. Paul’s Kirche unweit des Zahntempels zu besuchen, um mich dort etwas abzureagieren und die Ruhe der alten, massiven Gemäuer, in denen normalerweise kaum Touristen anzutreffen sind, zu genießen. Und stehe vor verschlossenem Tor…

…was mir auf meinen Reisen bisher sehr positiv aufgefallen ist und worauf ich als Christ tatsächlich auch etwas stolz bin, ist die Tatsache, dass ich noch nirgends für den Besuch eines Gotteshauses hab ein Eintrittsgeld entrichten müssen. Getreu dem Motto: Gott bietet immer Zuflucht. Wer sich ein bisschen mit den massiven, aus schwerem Stein erbauten Gebäuden beschäftigt, wird sehr schnell feststellen, dass die Architektur, das Innendesign, die hohen Dachstühle, die farbigen Fenster und die schicken Heiligtümer eine unglaubliche Magie versprühen und oft regelrechte Kunstwerke darstellen. Kunstwerke, für die man teils durchaus Eintrittsgelder verlangen könnte, was mich jedoch, eben aufgrund des Grundgedanken, der hinter diesen Gebäuden steckt, sehr enttäuschen würde. Was ich leider häufiger feststelle, sind Öffnungszeiten und dadurch auch teils verschlossene Türen. Meist ist das Pfarrhaus allerdings nicht allzu weit von der Kirche entfernt und durch freundliches Fragen habe ich schon manch einmal wohlwollend den Hauptschlüssel mit der Bitte ausgehändigt bekommen, ich möge doch abschließen und den Türöffner wieder zurückbringen, wenn ich fertig bin. Hier in Kandy ist leider kein Pfarrhaus in der Nähe und das große Tor aus Metall ist provokativ zusätzlich mit einer schweren Eisenkette versperrt. Sehr schade…

Ich spüre Zorn in mir aufkommen durch so viel zunichte gemachten Plan und bin ziemlich niedergeschlagen, als mir ein Tor zwischen St. Paul’s Kirche und dem Gelände des Zahntempels ins Auge sticht. Ich gehe zu der etwas dickeren Frau in Uniform vom Typ Mama, die vor dem Eingang Position bezogen hat und frage sie, was sich hinter dem Tor verbirgt. Den Namen verstehe ich nicht, wenn ich meine Schultern bedeckt habe, darf ich allerdings kostenlos eintreten. Ich krame meinen dünnen Pullover wieder aus meinem Rucksack und durchquere das Tor.

Ein riesiger Buddhabaum erwartet mich auf der anderen Seite. Auf einer Art gemauertem Sockel, der im oberen Drittel fein säuberlich mit weißer Farbe verputzt wurde und zu dessen Plattform in etwa 3 Meter Höhe eine breite, steile Steintreppe führt, erstreckt sich der Gigant in alle Richtungen. Am Fuß des Baumes sitzt in einem kleinen Häuschen Buddha und begrüßt mit seinem entspannten Lächeln jeden, der die Stufen zum Baum erklimmt. Ich halte meine gefalteten Hände vor meine Stirn, verneige mich tief und beginne, um den großen Baum herumzugehen, bevor ich schließlich weitere Stufen emporsteige und nun direkt am Stamm stehe. Ich lege meine Hand auf das nasse Holz und genieße für einen Moment mit geschlossenen Augen die Ruhe. Ich schaue zur Baumkrone nach oben, sehe die alten, dicken Äste, die sich in alle Himmelsrichtungen erstrecken und von denen aus neuere, jüngere Äste das Geäst zunehmend verdichten. Die kleinen Knospen, die sich überall entlang der Äste befinden und sich darauf vorbereiten, den Baum in ein neues, schönes Blätterkleid zu hüllen, spiegeln den Kreislauf des Lebens wieder, der unaufhörlich voranschreitet. Ich sehe ein…zwei, drei…Eichhörnchen, die zwischen den Ästen umhertollen und höre allerlei Vögel über mir. Die pechschwarzen Raben, die sich um den Baum herum versammelt haben und geheimnisvoll schaudernd krächzen, bringen etwas übersinnliches mit in die Situation. Ein magischer Platz.

Ich beginne zu schmunzeln und spüre Freude in mir aufkommen. Oft lohnt es sich nicht, sich über etwas verbissen aufzuregen und den Kopf hängen zu lassen…im nächsten Moment hält das Leben manchmal schon etwas anderes Schönes, manchmal sogar etwas sehr viel Wichtigeres für einen selbst, bereit.

Im botanischen Garten.
Im botanischen Garten.
Im botanischen Garten.
Der Blick vom Buddhabaum.
Der Blick zum Buddhabaum und zur St. Paul’s Kirche.