Sri Lanka, Kandy

Nach weiteren zwei Tagen mit Ludek heißt es erneut “Goodbye” und während sich Ludek weiter Richtung Norden aufmacht, um dort einem Vipassana-Retreat beizuwohnen, fahre ich mit dem Local Bus ins zwei Stunden weiter südlich gelegene Kandy, die zweitgrößte Stadt der Insel.

Wie ich Kandy erreiche, erkenne ich sogleich eine seltsame Art von Beschaulichkeit, was mir sehr gut gefällt. Sicher, in Sri Lanka laufen die Uhren überall auf Hochtouren aber hier scheint jemand darauf zu achten, dass die Zeiger einigermaßen gleichmäßig die Runden drehen.

Der Zahntempel, the golden Canopy, ist sicher mit eines der wichtigsten Gebäude in Kandy und gleichzeitig der wichtigste buddhistische Platz in Sri Lanka, da er den Erzählungen nach einen der Zähne Buddhas beherbergt. Leider bleibt mir der Eintritt zum Tempel verwehrt. Am Wachpersonal komme ich noch vorbei, indem ich meine Schultern mit einem dünnen Pullover aus meinem Rucksack bedecke und ich fürs Verstecken meiner Knie den Sitz meiner kurzen Hosen im Gedenken an alte Zeiten unter meine Hüften ziehe. Baggy-Style. Als ich wieder einmal vor einem Kassenhäuschen stehe, an dem die Ausländer zur Kasse gebeten werden, werde ich jedoch stinkig und entscheide mich dazu, die umgerechnet etwa EUR 8,00 nicht zu bezahlen. Der Betrag möchte gering erscheinen, für mich ist es allerdings ein Drittel meines Tagesbudgets. Das Drittel eines Tagesbudgets, dass ich durchaus bereit bin zu zahlen, wenn ich nicht in 15-20 Minuten durch etwas hindurch gejagt werde und kaum zum Wahrnehmen bzw. Erleben komme. Nach all den Ländern, die ich bisher besucht habe, muss ich leider feststellen, dass Sri Lanka bisher am dreistesten ist, was das Kassieren von Eintrittsgeldern angeht.

Betrübt entschließe ich mich dazu, die St. Paul’s Kirche unweit des Zahntempels zu besuchen, um mich dort etwas abzureagieren und die Ruhe der alten, massiven Gemäuer, in denen normalerweise kaum Touristen anzutreffen sind, zu genießen. Und stehe vor verschlossenem Tor…

…was mir auf meinen Reisen bisher sehr positiv aufgefallen ist und worauf ich als Christ tatsächlich auch etwas stolz bin, ist die Tatsache, dass ich noch nirgends für den Besuch eines Gotteshauses hab ein Eintrittsgeld entrichten müssen. Getreu dem Motto: Gott bietet immer Zuflucht. Wer sich ein bisschen mit den massiven, aus schwerem Stein erbauten Gebäuden beschäftigt, wird sehr schnell feststellen, dass die Architektur, das Innendesign, die hohen Dachstühle, die farbigen Fenster und die schicken Heiligtümer eine unglaubliche Magie versprühen und oft regelrechte Kunstwerke darstellen. Kunstwerke, für die man teils durchaus Eintrittsgelder verlangen könnte, was mich jedoch, eben aufgrund des Grundgedanken, der hinter diesen Gebäuden steckt, sehr enttäuschen würde. Was ich leider häufiger feststelle, sind Öffnungszeiten und dadurch auch teils verschlossene Türen. Meist ist das Pfarrhaus allerdings nicht allzu weit von der Kirche entfernt und durch freundliches Fragen habe ich schon manch einmal wohlwollend den Hauptschlüssel mit der Bitte ausgehändigt bekommen, ich möge doch abschließen und den Türöffner wieder zurückbringen, wenn ich fertig bin. Hier in Kandy ist leider kein Pfarrhaus in der Nähe und das große Tor aus Metall ist provokativ zusätzlich mit einer schweren Eisenkette versperrt. Sehr schade…

Ich spüre Zorn in mir aufkommen durch so viel zunichte gemachten Plan und bin ziemlich niedergeschlagen, als mir ein Tor zwischen St. Paul’s Kirche und dem Gelände des Zahntempels ins Auge sticht. Ich gehe zu der etwas dickeren Frau in Uniform vom Typ Mama, die vor dem Eingang Position bezogen hat und frage sie, was sich hinter dem Tor verbirgt. Den Namen verstehe ich nicht, wenn ich meine Schultern bedeckt habe, darf ich allerdings kostenlos eintreten. Ich krame meinen dünnen Pullover wieder aus meinem Rucksack und durchquere das Tor.

Ein riesiger Buddhabaum erwartet mich auf der anderen Seite. Auf einer Art gemauertem Sockel, der im oberen Drittel fein säuberlich mit weißer Farbe verputzt wurde und zu dessen Plattform in etwa 3 Meter Höhe eine breite, steile Steintreppe führt, erstreckt sich der Gigant in alle Richtungen. Am Fuß des Baumes sitzt in einem kleinen Häuschen Buddha und begrüßt mit seinem entspannten Lächeln jeden, der die Stufen zum Baum erklimmt. Ich halte meine gefalteten Hände vor meine Stirn, verneige mich tief und beginne, um den großen Baum herumzugehen, bevor ich schließlich weitere Stufen emporsteige und nun direkt am Stamm stehe. Ich lege meine Hand auf das nasse Holz und genieße für einen Moment mit geschlossenen Augen die Ruhe. Ich schaue zur Baumkrone nach oben, sehe die alten, dicken Äste, die sich in alle Himmelsrichtungen erstrecken und von denen aus neuere, jüngere Äste das Geäst zunehmend verdichten. Die kleinen Knospen, die sich überall entlang der Äste befinden und sich darauf vorbereiten, den Baum in ein neues, schönes Blätterkleid zu hüllen, spiegeln den Kreislauf des Lebens wieder, der unaufhörlich voranschreitet. Ich sehe ein…zwei, drei…Eichhörnchen, die zwischen den Ästen umhertollen und höre allerlei Vögel über mir. Die pechschwarzen Raben, die sich um den Baum herum versammelt haben und geheimnisvoll schaudernd krächzen, bringen etwas übersinnliches mit in die Situation. Ein magischer Platz.

Ich beginne zu schmunzeln und spüre Freude in mir aufkommen. Oft lohnt es sich nicht, sich über etwas verbissen aufzuregen und den Kopf hängen zu lassen…im nächsten Moment hält das Leben manchmal schon etwas anderes Schönes, manchmal sogar etwas sehr viel Wichtigeres für einen selbst, bereit.

Im botanischen Garten.
Im botanischen Garten.
Im botanischen Garten.
Der Blick vom Buddhabaum.
Der Blick zum Buddhabaum und zur St. Paul’s Kirche.

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