Mein Wecker klingelt um 05.30Uhr und um kurz nach 6.00Uhr steht der Bus vor dem Hostel, der mich zum Startpunkt des 19,4 Kilometer langen Tongariro Alpine Crossing fahren wird. Einer der weltweit schönsten Tagestrecks, wie man hört…
Der Morgen ist wieder einmal kalt, doch wie ich im Bus Platz genommen habe, wünschte ich, ich wäre draußen. Die Scheiben sind vom Kondenswasser beschlagen und im Bus herrscht dieser stickige, abgestandene, warme Zustand, den man nur morgens erleben kann, wenn sich menschliche Körper noch in der nächtlichen Ruhephase befinden und deswegen am heizen sind und gleichzeitig kein Sauerstoff in den geschlossenen Raum dringen kann. Der Großteil der Passagiere ist bereits in Taupo in den Bus gestiegen und heizt seit einer Stunde. Ekelhaft!
Als wir den Startpunkt des Tongariro Alpine Crossing erreichen, bin ich froh, als ich den Bus verlassen kann. Eisige Morgenluft strömt mir entgegen und die Sonne blendet mich, die genau in dem Moment hinter dem Mount Ngauruhoe emporsteigt. Obwohl es früh am Morgen ist, herrscht hier bereits wildes Treiben und mehrere große Busse haben links und rechts der Straße geparkt, aus denen motivierte Wanderer steigen. Während ein Teil direkt losstürmt, machen andere noch Fotos oder nehmen eine erste Stärkung zu sich. Ich stülpe mir mein Schlauchtuch über den Kopf, ziehe den Reißverschluss meiner Fleecejacke bis oben zu und setze mich in Bewegung. 07.10Uhr.
Der Weg führt zunächst durch ein altes Flußbett, durch ehemalige Lavaströme und während die Sonne höher und höher steigt, kommt mir der Mount Ngauruhoe näher und näher. Der Aufstieg zum “South Crater” zwischen dem Mount Ngauruhoe und dem Mount Tongariro ist steiler als gedacht und ich verstaue meine Fleecejacke bereits auf halbem Weg in meinem Rucksack. Hunderte von schmalen Stufen sind in den harten Fels unter mir eingearbeitet worden; das Devil’s Staircase, zu deutsch: Treppenhaus des Teufels, hat es in sich. Die Aussicht auf die hinter mir liegende Ebene ist bereits von hier sensationell, einzig die langsameren Wanderer auf dem schmalen Pfad vor mir sind etwas störend. Aber schließlich hat jeder das Recht, sich an diesem einzigartigen Treck zu versuchen.
Oben angekommen, finde ich mich im Schnee wieder. Zu meiner Rechten ragt steil der Mount Ngauruhoe empor, der Herr der Ringe-Fans auch als Mount Doom, als Schicksalsberg, bekannt sein dürfte. Einst konnte von hier aus der Weg zum Gipfel in Angriff genommen werden, inzwischen wurden die Wegmarkierungen zum inneren Krater hin allerdings entfernt; der Berg ist den Maoris heilig und der Aufstieg aufgrund von losem Geröll sehr gefährlich. Schade!
Vor mir eröffnet sich mir eine große, weiße Fläche, der South Crater, und ich gehe weiter. Der Weg zieht sich, doch schließlich tut sich eine weitere Felswand vor mir auf, die zum höchsten Punkt des Trecks führt. Der immernoch aktive Red Crater. 1.886 Meter. Inzwischen bin ich drei Stunden unterwegs, doch meine Begeisterung treibt mich weiter.
Ganz oben angekommen, hüllt sich alles um mich herum in gespenstischen Nebel. Kühle Nebelschwaden ziehen vor mir vorbei und ich kann die sagenhafte Aussicht großteils nur erahnen. Während ich den Aufstieg über schneebedeckten Fels regelrecht erklettern musste, schlittere ich den Abstieg über loses Vulkangestein hinunter und tue mir schwer, festen Halt zu finden.
Ich weiß schon, wieso wir Gondeln lieber runterwärts nutzen, BRÜDERLE!
Das Ziel ist es allerdings wert. Unter mir kommen die Emerald Lakes zum Vorschein, drei kleine Kraterseen, deren Wasser aufgrund der geothermischen Aktivitäten in einem farbintensiven Grün leuchtet. Die Sicht auf die umliegenden Täler und Bergspitzen wird klarer.
Es geht weiter über ein zweites schneebedecktes Feld in Richtung Blue Lake und mit fallenden Höhenmetern verändert sich die Landschaft allmählich. Der Schnee wird weniger und gibt bewachsene Hänge frei, an denen mich ein schmaler, festgetretener Pfad entlangführt. Mehr und mehr kommen kleine Blüten kleiner Pflanzen zum Vorschein, erst gelbe, dann auch weiße. Der Schnee verschwindet schließlich ganz und die Hänge werden grün. Zu meiner Rechten liegt ein Tal von dem aus sich ein Hang voller schwarzem Vulkangestein zum Mount Ngauruhoe und dem Mount Tongariro hin emporreckt, deren Vorhöhen bedrohliche Schwefelgassäulen gen Himmel blasen. Ehrfurchterregend!
Danach geht es stetig bergab. Zunächst noch durch die klassische Tundra, die in hellbraunen Farbtönen um mich herum erstrahlt, dann durch dichten Wald, der in allerlei frischen Grüntönen leuchtet. Und dann, nach 19,4 Kilometern und 5 ½ Stunden erreiche ich den Ketetahi Parkplatz, das Ende eines definitiv ganz besonderen Tagestrecks auf dieser Welt.

































