06.00Uhr. Der Hahn kräht. Und dann der Hahn des Nachbarn. Und dann der Hahn vom anderen Ende des Dorfes. Und dann…wieso hat denn hier jeder nen eigenen Hahn in Myanmar? Wieso musste unser sch**ß Hahn der erste Schreihals sein? …insgeheim vermute ich, dass die Hähne bereits früher angefangen haben, den Tag zu begrüßen und ich lediglich aufgrund meines tiefen Schlafes erst jetzt aufgewacht bin. Es ist ja so viel einfacher, sich aufzuregen…bringt nur nix! Ich döse noch bis 06.45Uhr unter meinen zwei warmen Decken vor mich hin und dann geht der Alarm meines und auch des Handys von Ludek runter. Keine Zeitverschiebung zwischen Deutschland und der tschechischen Republik also.
Kurz vor 8 nehmen wir unsere Bambus-Wanderstöcke in die Hand und machen uns auf den Weg. Zurück nach Hsipaw. Während die Sonne höher und höher an den Himmel steigt und die Kälte der Nacht vertreibt, passieren wir den Grenzposten der Shan-Armee in gegengesetzte Richtung, folgen der Hauptstraße (ein breiter Feldweg, der vor wenigen Jahren in einem NGO-Projekt angelegt wurde) für etwa 60 Minuten und biegen dann erneut auf die klassischen Wald- und Wiesenpfade, die ich so sehr liebe. Es ist bereits Mittagszeit, als wir ein unscheinbares Feld passieren und unser Guide plötzlich “peanuts” ruft. Ich schaue mich irritiert um.
Wusstet ihr, dass Erdnüsse unter der Erde wachsen? Ich dachte immer, die wachsen an Büschen oder Bäumen, so wie es Nüsse normalerweise so tun. Anders die Erdnüsse! Die hängen über den Wurzeln unscheinbarer Gräser unter der Erde. Lange Rede, kurzer Sinn…ich kenne unbehandelte Erdnüsse bereits von meiner ersten Reise in Vietnam aber selbst geerntet schmecken die noch besser. Nachdem uns Arnoon zeigt, wie wir an die Nüsse kommen; den ganzen Strang umfassen und dann ziehen; fangen wir zu futtern an. Und dann halte ich plötzlich SIE in der Hand. Lang aber zierlich liegt SIE zwischen meinem Daumen und meinem Zeigefinger. Hart und robust, lässt SIE sich doch sanft und willig öffnen. Und als ich die beiden Schalenhälften auseinanderklappe und vier große, pralle Nüsse zum Vorschein kommen, weiß ich mit Bestimmtheit: Das ist die Königin. Die Königin der Erdnüsse, die Gebieterin des Ackers, die Regentin des Feldes. Die edle Mutter der Saatschaft, die Herrscherin unter Tage. Die Größte, die Schönste, die Tollste…sehr lecker.
Der Rest ist schnell erzählt. Wir marschierten nach etwa 15 Minuten weiter, kommen an einer riesigen Wassermelonen-Farm vorbei (auch sehr amüsant anzuschauen, da es ein bisschen etwas von Matrix hat, wie die kleinen Pflänzchen in Reih und Glied aus einer Plastikfolie hervorschauen, die den Boden bedeckt und unter der links und rechts am Pflänzchen Wasserleitungen vorbeiführen, die die noch junge Melone rund um die Uhr mit Wasser versorgen), laufen auf einem Feldweg durch herrliche, bereits abgeerntete Felder und haben so den Geruch von trockenem Gras und Kräutern in der Nase, während wir die Berge hinter uns lassen und schließlich nach etwa 2 Stunden unser Ziel Hsipaw und somit das Ende unseres Treks erreichen. Was für eine wunderschöne Gegend, was für wundervolle Menschen, was für ein Erlebnis.
Nirgends habe ich diese Extreme bisher so sehr verspürt, wie hier in Myanmar. Sobald die Sonne am Himmel steht, was jeden Tag der Fall ist, so erstrahlt alles in warmen Licht und die Temperaturen liegen irgendwo bei 25°-32°C. Sobald die Sonne aber abends dann verschwunden ist, kühlt die Luft enorm runter und die Nächte sind mit etwas um die 10°C bitterkalt. Die letzte Nacht haben wir im Haus eines Onkels unseres Guides verbracht und wie überall im Land sind die Wände sehr dünn bzw. in den Dörfern dann meistens aus Bambus geflochten, wodurch sie nicht völlig geschlossen sind. Trotz drei Decken konnte ich die Kälte der Nacht spüren und bin froh, dass ein neuer Tag beginnt. Guten Morgen, Myanmar.
Nach dem Frühstück, zu dem in den südostasiatischen Ländern traditionell wie auch zum Mittag- und Abendessen Reis serviert wird, packen wir unsere Sachen zusammen und machen uns zum Abmarsch bereit. Geplant ist ein etwa 2 ½ stündiger Trip bergabwärts zum Fluß, an dem wir fischen, baden und schließlich auch zu Mittag essen wollen, bevor wir uns dann an den etwa 2 ½ stündigen Aufstieg zurück zu unserem Quartier von letzter Nacht und dann auf den Weg zu unserem neuen Quartier in das etwa 60 Minuten entfernte Heimatdorf unseres Guides Arnoon machen, in dem er die ersten zwölf Jahre seines Lebens verbracht hat, bevor er für sieben Jahre nach Mandalay ins Kloster gegangen ist.
Der Abstieg zum Fluß ist anstrengender als gedacht. Das volle Gewicht meines Körpers und meines Rucksacks lastet auf meinen Knien, denn Arnoon hat nicht übertrieben, als er meinte, der Weg würde steil sein. Der Weg ist für mich ohnehin nicht erkennbar in diesem Gebiet. Neben Arnoon begleitet uns heute sein Onkel, der den Tag frei genommen hat und am Fluß fischen möchte. Im Zickzack geht es durchs Unterholz, unter großen schattenspendenden Bäumen hindurch, den Berg hinab. Dass wir uns mit einem Wanderstock bei diesem Abstieg leichter tun, merken wir spätestens, als der Onkel mit seinem großen Messer (Klinge in etwa 40cm?), das etwas an ein Ninjaschwert erinnert, kurzerhand einen langen Bambusstamm absäbelt, mit geschickten Hieben zwei handliche 1,20 cm-lange Stäbe zurechtstuzt und uns diese in die Hand drückt. Nach etwa 90 Minuten verlässt uns der Onkel dann zu einem guten Platz zum Fischen etwas weiter Flußaufwärts und streckt mir, bevor er uns den Rücken zukehrt, sein Messer entgegen…nun habe ich das Schweeert!
Wir erreichen schließlich das Flußufer und Arnoon sammelt sogleich etwas trockenes Holz zusammen, um ein Feuer zu machen. In Bambushölzern, die standardmäßig Innen hohl sind, schöpft er Wasser aus dem Fluß und stellt diese zum Erhitzen ins Feuer. Wasser zum Kochen und Wasser für Tee. Einge Zeit später stößt der Onkel zu uns und siehe da, in seinem Kescher hat er zwei gute Dutzend kleinerer Fische mit dabei. Die Beute zerlegt er großteils fein säuberlich, wascht sie im Flusswasser nochmal ab und schüttet alles zusammen in ein neues Bambusrohr, in das Arnoon zusätzlich gesammelten Waldfarn schiebt, das Ganze mit Wasser auffüllt, mit einem gesäuberten, zurechtgeschnittenen Bananenblatt verschließt und ebenfalls ins Feuer stellt. Die größeren der kleinen Fische spannt Arnoon’s Onkel zwischen zwei kleine Bambusstäbchen, umwickelt die Bambusstäbchen mit Bambusfasern und hängt die ganze Konstruktion mithilfe zweier Äste übers Feuer. Dem Teewasser wurden zwischenzeitlich Teeblätter hinzugegeben und der Tee kocht; Arnoon gießt uns Tee in kleine Becher ein. Die Becher sind aus Bambus. Die machen hier wirklich alles aus Bambus. Und ich verbrenne mir erstmal ordentlich die Zunge.
Zusammengefasst sitzen wir bei Sonnenschein zusammen am Fluss, trinken selbstgemachten Tee von den Teeplantagen ringsherum und warten darauf, den selbst gefangenen Fisch zu essen, der neben uns über offener Flamme gart. Myanmar ist eines der ärmsten Länder der Welt und die Bevölkerung ist gleichzeitig so unendlich reich.
Naja, gut. Wir befinden uns an der Grenze der freigegebenen Fläche. Die andere Seite des etwa 4 Meter breiten und vielleicht 50cm tiefen Flusses ist rotes Gebiet und somit für Touristen gesperrt und auch die Einheimischen meiden die unbefestigten Gegenden. Auf der anderen Seite des Flusses ist die Gefahr real, auf eine Landmine zu treten…
Nach dem Lunch, der ausgesprochen gut war und bei dem ich, jaaa, auch das Fischgericht inklusive Fischflossen, Fischgräten und Fischköpfen gegessen habe, packen wir unsere Sachen zusammen, löschen das Feuer und machen uns an den Aufstieg. Wir starten barfuß, da uns unser Rückweg zunächst ein Stück weit durch den Fluß führt, bevor wir schließlich etwas südlicher emporsteigen. Wie bereits am Vormittag verläuft der Pfad im zickzack und der Berg ist steil. Ich bin schlecht im schätzen aber er ist steil genug, damit ich mich bereits nach kurzer Zeit von Stein zu Wurzel und Wurzel zu Gesteinsvorsprung hieve. Trotz der großen Bäume mit ihrem dichten Blätterdach über unseren Köpfen ist es heiß und das atmen fällt schwer. Mit zunehmender Höhe verändert sich glücklicherweise die Umgebung und als wir nach einer Stunde etwa auf den ersten Bergkamm zusteuern, verläuft unser Pfad wieder über weite Wiesen mit blauen Blumen, die zwischen Bergreis und Pinien-Nadelbäumen wachsen. Hier erfrischt uns nun wieder eine leichte Brise und die Luft ist etwas kühler, während die Sonne unverändert warm vom Himmel strahlt. Die wundervolle Aussicht auf die höheren Berge um uns herum ist die Gleiche wie am Vortag.Wir schöpfen neue Kraft.
Unser Weg führt uns höher und höher und wie wir schließlich auf den nächsthöheren Berg übersetzen, finden wir uns in der gewohnten Umgebung zwischen Teeplantagen wieder. Unser Weg ist ein Trampelpfad und wie ich so mit meinem Wanderstab aus Bambus den lehmbraunen Pfad, der sich durch die saftig grüne Teeplantage windet, entlang marschiere, während das intensive Sonnenlicht alle Farben leuchten lässt, spüre ich das Abenteuer in der Luft liegen.
Der Weg von Arnoon’s Onkel und der unsere haben sich zwischenzeitlich getrennt und wir sind kurz vor unserer Unterkunft für die kommende Nacht, als wir erneut auf die Shan-Armee treffen. Dieses Mal sind es mehr. Unsere Unterkunft für die kommende Nacht befindet sich in Arnoon’s Geburtsdorf und an der Grenze zum roten Bereich Myanmar’s. Wir laufen auf eine heruntergelassene Schranke aus rot-weiß lackiertem Bambus zu, zu deren linken Seite etwas nach oben versetzt mit Hilfe von Sandsäcken zwei Gefechtsstellungen in den Hang gebaut wurden und zur Rechten der Berg weiter abfällt. Hinter der Schranke befindet sich eine Wegkreuzung, von wo aus der Weg geradeaus den Berg hinunter und ins etwa 5 Minuten entfernte Dorf führt. Auf dieser Seite des Berges, rechts neben dem Weg ins Dorf, befinden sind drei weitere Gefechtsstellungen und dahinterliegend die Zelte, in denen die etwa 10 Soldaten dieser Stellung schlafen. Die Soldaten hier kennen Arnoon, der immer mal wieder im Dorf seiner Eltern vorbeischaut, wenn die Palaung-Armee nicht in der Nähe ist und wodurch wir ungehindert passieren können. Auf dem Weg in Richtung Dorf den Berg runter kommen uns vier patrouillierende Soldaten entgegen und so kann ich sie das erste Mal direkt vor mir in voller Montur sehen…inklusive amerikanischem M16-Sturmgewehr auf dem Rücken. Das Geburtsdorf von Arnoon liegt in einem kleinen Talkessel und ist von hohen Bergen umgeben. Unser Guide erzählt uns, dass hier in der Umgebung rund um das Dorf in etwa 1.000 Shan-Soldaten stationiert sind, die den Grenzbereich an dieser Stelle schützen und wie ich weiß, auf was ich achten muss, sehe ich im Licht der untergehenden Sonne plötzlich tatsächlich mehrere kleine Stellungen auf den Berggipfeln rund um den Kessel. Immerhin gab es keine Explosionen heute…der Kampf vom Vortag fand etwa 50 Kilometer nördlich des Dorfes statt. Die Zone, in der das Risiko für Landminen steigt, liegt hingegen nur etwa 2000 Meter entfernt.
Im Dorf ist alles friedlich und wie wir unser Nachtquartier erreichen, stellen wir voller Freude fest, dass unser Gastgeber auch einen kleinen Supermarkt betreibt, in dem es neben “Walt Disney’s Rapunzel”-Notizblöckchen und Taschenlampen Bier zu kaufen gibt. Und wie die Sonne am Horizont verschwindet, sitzen Ludek und ich auf einem kleinen, hölzernen Balkon, den Blick über die Berggipfel schweifend, mit Bier aus Myanmar…
Guten Morgen, Shan State.Der Abstieg zum Fluss……und iiich hab das Schweeert!
…und ich spüre das Abenteuer in der Luft liegen.Unser Quartier für die zweite Nacht……und auch ein anderer Wächter beobachtet uns am Vorbeigehen.
Nachdem wir Mindat verlassen haben, führte Ludek’s und mein Weg weiter über Mandalay nach Pyin U Lwin, wo wir nach Tagen das erste Mal wieder eine warme Dusche genießen durften, und zwei Tage später schließlich mit dem Zug in das sieben Stunden weiter nördlich gelegene Hsipaw. In Hsipaw angekommen, machten wir uns erneut auf die Suche nach einem Privatguide aus der Region und wurden schnell fündig. Arnoon ist 24 Jahre alt, ist in einem Dorf in den Bergen aufgewachsen und hat im Kloster englisch sprechen gelernt, bevor er nach sieben Mönchsjahren vor drei Jahren zurück nach Hsipaw zu seinen Großeltern gezogen ist. Geld haben wir dieses Mal ausreichend dabei und so verabredeten wir uns gestern Abend, nach einem ersten Kennenlernen mit Arnoon, zu einen 3 Tages-Trek für heute Morgen.
Arnoon ist pünktlich um 8.30Uhr in unserer Guesthouse-Lobby, um uns abzuholen. Die ersten Meter aus der Stadt heraus fahren wir noch mit dem TukTuk, bevor wir dann am Stadtrand absteigen und zu Fuß weitergehen. Es ist ein kalter Morgen und wir wandern zunächst durch Nebelschwaden Richtung nördliches Hochland. Arnoon erstaunt uns recht schnell mit sehr großem Wissen über allerlei Dinge…
-Wusstet ihr zum Beispiel, dass die Pflanze “Mimosa” nach einer Berührung durch Wassertropfen oder einem menschlichen Zeigefinger zum Schutz die Blätter hängen lässt? Ich konnte sehen, was die deutsche Redensart “Stell dich halt an wie eine Mimose” bedeutet.-
…er erzählt uns von den Konflikten im Land und einer Karte Myanmar’s, auf der zu sehen ist, in welche Bereiche des Landes Touristen reisen dürfen. Die Farbe Gelb bedeutet “erlaubt, da safe”, Orange heißt “erlaubt, Zustand ist aber kritisch” und Rot gibt zu verstehen “gesperrt, da nicht sicher”. Der Chin State ist orange, was wir nach eigenen Recherchen bereits vermutet haben, da nur etwa 100-150 Kilometer südwestlich des Mount Victoria, im rot markierten Rakhine State aktuell die religiösen Kämpfe zwischen Buddhisten und Muslime stattfinden. Das Gebiet rund um Hsipaw erstrahlt in gelb, doch unweit unserer Trekkingroute beginnt die rote Nordhälfte Myanmar’s, in der es keinem Touristen erlaubt ist zu reisen. Grund hierfür ist die Tatsache, dass die Gegenden mit Landminen kontaminiert sind und dort die kämpferischen Handlungen zwischen dem staatlichen Militär sowie deren verbündeten ethnischen Armeen und der rebellenähnlichen Palaung-Armee geführt werden. Arnoon erzählt uns davon, wie die Palaung-Armee versucht, ihre Unabhängigkeit beizubehalten und sich gegen die Idee von einem gemeinsamen Myanmar sträubt. Um neue Mitstreiter für den Kampf gegen die Regierung zu gewinnen, dringen sie sporadisch in die Bergdörfer vor, um junge Frauen und Männer zwischen 18 und 30 in die Armee zu zwingen. Viele junge Menschen verlassen aus Angst ihre Dörfer und Familien und auch unser Guide lebt aufgrund dieser Tatsache bei seinen Großeltern in der Stadt. Die Anhänger der Palaung-Bewegung schrecken offenbar nicht davor zurück, bei der Rekrutierung ihre Schusswaffen einzusetzen oder die jungen Menschen durch untergejubeltes Opium zu erpressen, in dem sie sie des Rauschgifthandels bezichtigen. Unser Guide erzählt uns, dass die einzelnen Dörfer dank Smartphones in regelmäßigem Kontakt miteinander stehen können, um sich gegenseitig darüber zu informieren, wenn Militär oder Palaung-Armee in der Nähe sind und auch er unsere Route von Zeit zu Zeit von seinen Kontaktpersonen auf der Strecke freigeben lassen wird. Alles in allem hört sich das nicht gerade ungefährlich an und ich frage ihn, ob wir eventuell Soldaten der Palaung-Armee begegnen werden, was er nicht ausschließt.
Und dann sind sie auch bereits da. Auf einem Hügel platziert, sitzt ein in Flecktarn gekleideter junger Soldat neben der Straße vor einem Campingtisch mit einem Funkgerät darauf und zwei weitere Kameraden lehnen rauchend an einem Holzzaun, die Straße mit einem Eisengatter versperrt. Als wir näherkommen, schauen die beiden Kämpfer auf und kommen auf uns zu. Unser Guide flüstert uns von rechts zu, wir sollen weiterlaufen, was wir tun. Ich verspüre Angst. In einiger Entfernung bleiben Ludek und ich schließlich stehen und linsen zurück. Unser Guide hat seinen Rucksack auf einen kleinen Tisch gestellt und unterhält sich mit einem der beiden Soldaten, während der andere den Rucksack inspiziert. Wenige Minuten später ist Arnoon dann wieder bei uns; alles gut, das waren Anhänger der Shan-Armee, Kämpfer einer der ethnischen Gruppen Myanmar’s, die mit der Regierung zusammenarbeiten. Sein Rucksack wurde auf Opium, Waffen und Anzeichen für eine Zugehörigkeit zur Palaung-Armee kontrolliert und ihm wurden Fragen zu unserer Trekking-Route gestellt.
Schon bald passieren wir dann auch im Shan-State die üblichen kleinen Dörfer und die Kinder kommen uns, wie bereits im Chin State, winkend, bis über beide Ohren strahlend und mit riesigen, freudestrahlenden, braunen Augen entgegengesprungen. Die Wörter, die sie rufen, kann ich dieses Mal aber nicht verstehen, die Sprache hat sich abermals geändert; neue Provinz, neue ethnische Gruppe, neue Sprache. Auf dem Weg über eine weite, grüne Wiese, kurz nach dem ersten Dörfchen, hören wir dann auch schließlich zum ersten Mal das Grollen. Während ich es für einen Donner in der Ferne halte, identifiziert Ludek es als ein unbedeutendes Tiergeräusch in der näheren Umgebung. Arnoon wählt indessen einen Kontakt auf seinem Mobiltelefon und wählt die Nummer…er erkundigt sich, ob unser Nachtquartier sicher ist. Arnoon hat eine Explosion gehört…die Kämpfe finden weiter im Norden statt; das Nachtquartier ist für heute sicher.
…wir folgen dem Pfad aus dem zweiten Dörfchen heraus und schon bald erkennen wir überall um uns herum Tee-Bäume, durch deren Mitte uns unser Pfad führt. Hier in der Region nordöstlich Mandalays leben viele Tee-Farmerfamilien. Aus den Teeplantagen heraus, geht es schließlich steiler bergauf und wir folgen alten Trampelpfaden, welche durch freilebende Rinder erschaffen wurden. Es ist inzwischen Nachmittag, die Sonne steht hoch am Himmel und strahlt warm herab. Die Luft ist erfüllt von allerlei Gerüchen, welche von Gräsern und Blumen stammen, Vögel zwitschern ihr Lied. Wir hiken durch alte Wälder, die mich bereits deutlich an Urwald erinnern und haben eine herrliche Aussicht, auf die Berge ringsherum. Eine wundervolle Gegend! …Donner.
Gegen 16.30Uhr erreichen wir schließlich unser Quartier für die Nacht. Ein Farmhaus am Rande eines kleinen Dörfchens, dessen Vorhof uns einen phantastischen Blick auf das Tal und die dahinter liegende Bergkette beschert. Der kleine Vorhof ist zum Weg, über den wir ins Dorf gekommen sind, etwa drei Meter nach unten versetzt und strahlt ein heimeliges Gefühl aus. Hühner mit kleinen Küken bicken im Hof umher, zwei Kätzchen hetzen spielerisch hintereinander her, ein kleiner pelziger Hundewelpe rennt uns schwanzwedelnd entgegen und…ein etwa 12-jähriger Junge reitet uns auf einem Buffalo grinsend entgegen. Das Haus selbst ist wie üblich auf Stelzen, aus Holz erbaut und die Schlafräume befinden sich im ersten Stock. Um die Stelzen wurden hier aus Bambusfasern Wände geflochten, die so nun einen großen Stauraum im Erdgeschoss für Lebensmittel schaffen.
Feierabend. Ab jetzt wirds gemütlich. Nachdem wir unser weniges Gepäck auf unser Zimmer gebracht und uns flüchtig etwas frisch gemacht haben (Duschen gibt’s hier wieder nicht mehr), setzen wir uns in den Vorhof auf zwei Stühle. Arnoon hat ein Lagerfeuer entzündet, von der Küche werden uns ein paar köstlich-süße Bananen sowie aufgebrühter Grüntee aus eigenem Anbau gebracht. Wir genießen die herrliche Aussicht auf die grüne Berglandschaft ringsherum, die sich auf der anderen Seite des Tals in das rot markierte Nord-Myanmar erstreckt. Atemberaubend präsentiert sich vor uns die Natur und darüber der blaue Himmel, während wir vertraute Vogelgesänge und das Summen unterschiedlicher Insekten vernehmen können. Ein magisches Fleckchen, an dem es sich definitiv aushalten lässt.
Was das Grollen in der Ferne betrifft, so haben wir über den Nachmittag verteilt insgesamt vier bis fünf Explosionen wahrgenommen. Kontakte zur Palaung-Armee oder anderen Rebellentruppen gab es aber keine mehr.
Hier hörte ich „den Donner“ zum ersten Mal…
Unser Dörfchen für die erste Nacht.Unser Quartier für die erste Nacht.…und unser Empfangskomitee.
Da hat er sich ein eigenst mit der Steinschleuder erlegtes Eichhörnchen gebraten…der kleine Spitzbub.