Neuseeland, Der Weg nach Isengard

Bevor ich überhaupt in Queenstown, der zweitgrößten Stadt der Südinsel angekommen war, wusste ich bereits dank meiner neuseeländischen Camping-App, dass sich unweit von hier der Herr der Ringe-Drehort zu Sarumans Isengard befindet. Und selbstverständlich wollte ich sehen, wie die große Lichtung heute aussieht, nachdem die Ents hier einst so sehr gewütet hatten.

Ich bin bereits sehr früh wach. 7.00Uhr. Untypisch für mich! Ich bin gestern Abend noch ein Stück weit in Richtung Glenorchy gefahren, das knapp 50 Kilometer westlich von Queenstown am Kopf des wunderschönen Lake Wakatipu und in Richtung Isengard liegt. Das hellblaue Wasser des Lake Wakatipu, dass anscheinend wissenschaftlich als besonders rein belegt wurde, hat ganzjährig eine Temperatur von etwa 10°C; baden tut hier keiner. Es ist sehr frisch diesen Morgen und meine Autoscheiben sind wieder einmal beschlagen, für den Tag ist allerdings zum Glück Sonnenschein angesagt. Wie ich vom Campingplatz runterfahre und den linken Blinker setze, überlege ich noch kurz, ob ich die Fahrt wirklich auf mich nehmen soll, da mein Ziel nochmal deutlich hinter Glenorchy liegt und ich gewiss nicht vor der Mittagszeit zurück sein werde. Gedankenversunken fahre ich los und vergesse meine Überlegung sogleich wieder, als ich um die nächste Kurve biege. Weit breitet sich der Lake Wakatipu vor mir aus und um ihn herum strecken sich malerische, schneebedeckte Berge in Richtung Himmel, während vereinzelte Strahlen der aufsteigenden Sonne zwischen den Bergspitzen hindurch auf den See hinunter scheinen. Was für ein Bild. Die Küstenstraße danach ist sehr kurvig und schlängelt sich eng zwischen Felswänden zu meiner Rechten und dem Gewässer zu meiner Linken auf und ab, wodurch ich nur sehr langsam vorankomme und erst nach knapp 90 Minuten das Ortsschild von Glenorchy passiere.

Glenorchy ist ein kleines Örtchen, das vermutlich während der Skisaison so richtig aufblüht, ansonsten aber eher gemütlich dahinlebt. Ich drehe eine Runde um den Ortskern, bevor ich meinen fahrbaren Untersatz weiter Richtung Nordwesten, in Richtung des aus drei Häusern bestehenden Weilers mit dem Namen “Paradise” lenke. Zunächst führt mich der Weg noch über asphaltierte Straßen, doch schon bald verwandelt sich die Straße wiedereinmal in eine staubige Schotterpiste. Ich schließe meine Autofenster und stelle die Klimatisierung auf Innenbelüftung um. Mein Weg führt mich über privates Weideland, vorbei an Kühen und Schafen auf saftigen grünen Wiesen, die schneebedeckten Berge vor mir, eine braune Wolke aus aufgewirbeltem Staub hinter mir; die Tiere tun mir etwas Leid…haben sie doch keine Finger, um sich den aufgewirbelten Staub wieder aus den Augen zu wischen. Dann stehe ich plötzlich vor der ersten Furt. Besser geschrieben, hoffe ich, dass es eine Furt ist, wie auf dem kleinen gelben Hinweisschild, mit dem fast schon zu großen Ausrufezeichen darauf, neben dem Weg abgedruckt ist. Eine Furt bezeichnet normalerweise eine flache Stelle in einem Flusslauf, an der man das fließende Gewässer ohne Risiko überqueren kann, doch ich sehe den Boden aufgrund des braunen Flusswassers nicht…

Ich komme unbeschadet auf der anderen Seite an und mit etwa 30 Stundenkilometer taste ich mich langsam weiter durchs Gelände, immer wieder prüfend auf mein Mobiltelefon schauend, ob ich noch in die richtige Richtung, in Richtung Isengard, steuere. Zwei weitere Furten durchkreuzen meinen Weg, dieses Mal kann ich den Boden allerdings im klaren Gebirgswasser sehen und so auf dem seichtesten Weg und vorbei an größeren Steinen und Schlaglöchern durch die Furt manövrieren. Vereinzelt tauchen Fahrzeuge aus der Staubwolke hinter mir in meinem Rückspiegel auf, die ich dann vorbeifahren lasse, oder es kommen mir Fahrzeuge entgegen. Gleich wie auch zuhause wird hier der Zeigefinger übers Lenkrad gestreckt und so kurz gegrüßt. Lachen tun sie alle. Zum einen wohl, weil ich mich mit einem normalen Personenwagen auf solche Wege in eine solche Gegend “verirrt” habe, zum anderen wohl aus Respekt, weil ich mit einem normalen Personenwagen bereits so weit auf diesen Wegen gekommen bin und regelrecht rebellisch schon drei Furten hinter mir gelassen habe.

Die Landschaft ist geprägt von kleinen Seen, tiefgrünen Waldstücken und hellgrünen Wiesen. Furt Nummer 4 scheint recht tief zu sein und ich inspiziere sie genauer, bevor ich mich vorsichtig ins Flusswasser hineinwage. Das Land hier ist uneben und Erhebungen reihen sich bis zum Horizont beziehungsweise bis zu den schneebedeckten Gebirgszügen, die mich weitläufig umgeben, aneinander und versuchen sich dabei gegenseitig in ihrer flach ansteigenden Höhe zu übertrumpfen. Wieso der kleine Weiler in dieser Gegend nach dem Paradies benannt wurde, kann ich erahnen.

Ich bin zwischenzeitlich gut 1 ½ Stunden unterwegs und laut meinem Mobiltelefon befinde ich mich inzwischen zum Glück endlich nur noch wenige Kilometer von Isengard entfernt, als das bekannte gelbe Hinweisschild neben dem Schotterweg und Furt Nummer 5 vor mir auftauchen. Ein kleines Rinnsal fließt von rechts in ein gewaltiges Wasserloch, das sich quer über die ganze Wegbreite zieht und auf der anderen Seite rinnt ebenso wenig Wasser wieder hinaus. Das dreckige Wasser liegt still vor mir und der Weg führt recht steil hinein sowie ebenso steil etwa zwei Meter weiter wieder hinaus. Ich kann den Boden nicht sehen… Ich steige aus meinem Van und schau mir die Sache aus der Nähe an. Nach der ersten Furt hatte ich zu mir gesagt, dass ich bei der Nächsten umdrehen werde. Das Gleiche habe ich bei der Vierten gesagt. Die Versicherungsfirma, mit der mein Autovermieter zusammenarbeitet, die in meinem Vertragsfall Schäden ohne jegliche Selbstbeteiligung meinerseits beheben müsste, würde sich bereits bei dem Weg, auf dem ich die letzten Kilometer zurückgelegt habe, die Arme hinter dem Kopf verschränken und sich entspannt schmunzelnd in den Bürostuhl lehnen. Und ich entscheide, dass ich es lasse. Ich fahre nicht weiter. Ich drehe um.

Ich setze mich zurück in meinen Wagen und bin gerade am umdrehen, in dem ich auf die flache Grasfläche rechts des Weges zurücksetze, als ich weit hinten auf der anderen Seite der Furt eine Staubwolke sehe, die näher kommt. Ein Auto. Jemand, der mir zeigen wird, wie tief Nummer 5 wirklich ist. Das Fahrzeug schlängelt sich am Waldrand entlang, wo der Weg demnach weitergehen würde, entfernt sich kurzzeitig aus meinem Sichtfeld und erscheint schließlich, wie erwartet, direkt vor der Furt. Ein dunkler VW Amarok, vermutlich erste Ausführung, offene Ladefläche…

Udo, du weißt, was ich meine 😉

…hinter dem Steuer ein Mann mit dunklerer Haut, die Dreadlocks offen über die Schulter hängend. Die breite Front des Amaroks taucht tief in die Furt ein und Wasser spritzt über die Motorhaube, durch den unebenen Grund kippt die Front des Giganten einmal nach links und wieder zurück, bevor die riesigen Reifen wieder aus dem Wasser auftauchen. Unsere Blicke treffen sich und aufgrund meiner Wagenposition ist im selbstverständlich bewusst, was ich gerade vorhabe und aufgrund der Stelle, wieso ich dabei bin, dass zu machen. Er grinst mich freudestrahlend und zugleich wohlwollend an, nimmt seine beiden Hände vom Lenkrad und zeigt mir, getreu dem Motto “schau mal her; wie cool; unbeschadet geschafft” die Daumen, dann ist er an mir vorbei. Definitiv zu tief! Alles richtig gemacht! Und die kurze Begegnung mit dem Amarok-Fahrer…mein persönliches Happy End.

Moment mal…Saruman ???

…weit breitet sich der Lake Wakatipu vor mir aus und um ihn herum strecken sich malerische, schneebedeckte Berge in Richtung Himmel, während vereinzelte Strahlen der aufsteigenden Sonne zwischen den Bergspitzen hindurch auf den See hinunter scheinen.
Furt Nummer 3.
Der Weiler „Paradise“.
…auf dem Weg nach Isengard…
…auf dem Weg nach Isengard… Vorsicht: Kuh!
…auf dem Weg nach Isengard… Sorry; das ist ein Pferd!
Furt Nummer 5!
DIE Furt Nummer 5!
Auch rund um die fünfte Furt haben die Orks die Bäume gefällt…
…auf dem Weg zurück…
…dann halt Frühstück unweit von „Paradise“…
Ich steh auf frühstücken!