Die Nacht war kalt und der Morgen beginnt früh. Bereits ab 03.45Uhr hört man die ersten Hähne durchs Tal krähen und ab 06.00Uhr vernehme ich schließlich auch Kinderstimmen aus dem Zimmer nebenan. Die Wände sind hier dünn, nicht völlig dicht und nach oben in Richtung Dach nicht geschlossen. Ich kuschel mich nochmal in meine zwei dicken Decken, die mir zum Schlafen überlassen wurden und versuche etwas vor mich hinzudösen, bis dann gegen 06.30Uhr nebenan schließlich die Feuerstelle entzündet wird. Schwarzer Rauch zieht wie bereits am Vorabend durch die löchrigen Holzwände in unser Zimmer herein und die Luft über uns verdunkelt sich. Ich schlage meine Decken zur Seite, stehe auf und öffne die Fenster. Während es drinnen inklusive meiner eigenen Person nach Lagerfeuer riecht, strömt mir von draußen kalte, klare Luft entgegen. Das Morgengrauen beginnt gerade. Auch Ludek ist inzwischen aufgewacht und zieht sich schnell etwas über, während Nonie neben unseren Plätzen dank Ohrstöpseln und Schlafmaske, von der aus uns Bärenaugen anäugeln, seelig schläft. Ludek und ich gehen nach draußen und zu einem etwa 150 Meter entfernten Bach, um uns die Müdigkeit aus den Augen zu waschen. Die ersten Leute sind bereits unterwegs und begrüßen uns am vorbeilaufen freudestrahlend, das Pfeifchen im Mundwinkel, mit dem für die Region typischen “Ne-gei-do”. Zurück an unserem Haus erwarten uns die beiden Jungs des Hauses und schauen uns wie am Vorabend neugierig aber schweigend entgegen. Dass wir anders aussehen, kommt mir spätestens ins Gedächtnis zurück, als die drei kleinen Hunde vor dem Haus bei unserem Anblick prompt das Spielen aufhören und den Kopf zur Seite schlagen, bevor sie dann aber doch Schwanzwedelnd auf uns zuspringen, um sich auf unsere Schnürsenkel zu stürzen. Also doch nicht so anders…
Nach dem Frühstück machen wir uns zunächst auf den Weg zu den Motorrädern. Wir haben einen langen Weg vor uns; wir wollen auf den Mount Victoria, den mit 3.053 Metern zweithöchsten Berg Myanmars. Nach einem kurzen Ritt durch das Dorf Kyrado kommen wir vor einer Hängebrücke leider direkt wieder zum stehen; zu steil und zu eng ist der Pfad auf der anderen Seite der Brücke den Berg hinauf, um ihn zu zweit auf dem Motorrad zu erklimmen. Ludek, Nonie und ich schnappen also unser Zeug und laufen los. Der Pfad führt uns weiter und weiter den Berg hoch, freundlich gestimmte Bauern kommen uns grinsend entgegen und die Sonne steigt höher und höher gen Himmel und taucht die andere Seite des Tals weiter und weiter in ihr wärmendes Licht. Die Aussicht ist erstaunlich und überall duftet es nach frischen und von der Nacht noch leicht feuchten Kräutern und Gräsern. Ein neuer wundervoller Tag startet hier im Chin State.
Nach etwa 30 Minuten werden die Pfade schließlich wieder besser und wir können unseren Weg auf den Motorrädern fortsetzen. Der Ausgangspunkt zum Gipfel des Mount Victoria liegt etwa 30 Kilometer entfernt, trotzdem ist aufgrund der steilen und lediglich provisorischen Straßen mit einer Fahrzeit von etwas um 2 Stunden zu rechnen. Unsere Route führt uns zunächst weiter den Berg hinauf, auf der anderen Seite wieder etwas runter, nördlich um den Berg herum und erneut bergauf. Überall, wo wir Dörfer passieren, kommen die Kinder zur Straße gelaufen und rufen winkend “hello, hello”, während dieses Mal vor allem auch die Mädchen interessiert und schüchtern zugleich den Blickkontakt zu mir suchen…
Nach knapp zwei Stunden erreichen wir schließlich den Ausgangspunkt zum Mount Victoria und werden zunächst Zielscheibe von einheimischen Touristen. Drei Mönche sind die ersten, die kommen und grinsend um ein Foto bitten, bevor andere Wander-Touristen hinterhereilen, um ebenfalls ein Erinnerungsfoto mit den Komischen zu ergattern. In diesem Land laufen die Dinge definitiv noch anders als in allen Ländern, in denen ich zuvor war…
Naing Awm gibt schließlich den Befehl zum Abmarsch; wir müssen los. Wir schnappen uns unsere Sachen und gehen abseits der Straße durch einen unscheinbaren Pfad durchs Gestrüpp nach oben. Bereits fünf Minuten später verändert sich die Landschaft dann aber und uns eröffnet sich ein beeindruckender Blick auf das Gebiet und die Berge um uns herum. Vor uns liegt klar der Pfad, der über freie Grasflächen hinweg führt und um uns herum blüht, mit roten Blüten versehen, Rhododendron, während die Sonne auf knapp 3.053 Metern warm auf uns herab scheint. Nach knapp zwei Stunden erreichen wir schließlich den Gipfel des zweithöchsten Berges Myanmars. Es ist etwas kühler hier oben und auf 3.053 Metern weht durchaus auch ein frisches Lüftchen. Am höchsten Punkt des Mount Victoria erwartet uns, sitzend, Buddha in Gestalt einer großen Steinfigur und schaut zufrieden auf uns herab. Well done!
Nach einem ausgedehnten, leicht verspäteten Mittagessen und einem dafür recht zügigen Abstieg sind wir, stolz über unsere erbrachte Leistung, kurz nach 15.00 Uhr am Ausgangspunkt zurück. Nach einem kurzer 3in1-Instant-Kaffee am Kiosk, um unseren Erfolg zu feiern, klettern wir zurück auf die Rücksitze unserer Motorräder und unsere Fahrer drehen die Gashähne auf; der Tag neigt sich langsam Richtung Abend zu und es ist ein langer Heimweg. Während die Ziffern meiner Digitaluhr auf dem Handy nach oben zählen, geht die Strahlkraft der Sonne nach unten und wie wir schließlich auf die östliche Seite der Bergkette, auf die Schattenseite, wechseln, wird es kalt. Ich spüre schnell, wie die Kälte in mich hineinkriecht. Ich beginne mich auf dem Rücksitz hinter Naing Awm zusammenzukauern, während mir der eisige Fahrtwind ins Gesicht peitscht. Meine Muskeln beginnen sich zu verkrampfen und ich verliere den Blick für die wunderschöne Landschaft um mich herum. Ich wünsche mir sehnlichst unsere Ankunft herbei. Nach einer gefühlten Ewigkeit fahren wir dann um eine weitere Kurve herum und endlich ist sie zu sehen…im Licht der untergehenden Sonne funkelnd, hoch oben auf einem Berg…die Stadt Mindat. In mir keimt neue Hoffnung auf, ich atme tief die kühle Luft ein, strecke meine Wirbelsäule durch und setze mich aufrecht. Ich versuche mich auf meinen Fahrer zu konzentrieren und mich an seine Bewegungen anzupassen. Links am Schlagloch vorbei. Rechts um einen großen Stein herum. Rechts um ein weiteres Schlagloch herum. Linkskurve.
Die Sonne beginnt bereits unterzugehen, als wir schließlich nach 3 ½ stündiger Fahrt die letzten Serpentinen Richtung Mindat hinter uns zurücklassen, den Rand der kleinen Stadt passieren und vor unserem “Victoria Guesthouse” zum Stillstand kommen. Ich steige wankend vom Motorrad ab und strecke mich kräftig in alle Richtungen. Was für ein Trek!











