Nachdem wir Mindat verlassen haben, führte Ludek’s und mein Weg weiter über Mandalay nach Pyin U Lwin, wo wir nach Tagen das erste Mal wieder eine warme Dusche genießen durften, und zwei Tage später schließlich mit dem Zug in das sieben Stunden weiter nördlich gelegene Hsipaw. In Hsipaw angekommen, machten wir uns erneut auf die Suche nach einem Privatguide aus der Region und wurden schnell fündig. Arnoon ist 24 Jahre alt, ist in einem Dorf in den Bergen aufgewachsen und hat im Kloster englisch sprechen gelernt, bevor er nach sieben Mönchsjahren vor drei Jahren zurück nach Hsipaw zu seinen Großeltern gezogen ist. Geld haben wir dieses Mal ausreichend dabei und so verabredeten wir uns gestern Abend, nach einem ersten Kennenlernen mit Arnoon, zu einen 3 Tages-Trek für heute Morgen.
Arnoon ist pünktlich um 8.30Uhr in unserer Guesthouse-Lobby, um uns abzuholen. Die ersten Meter aus der Stadt heraus fahren wir noch mit dem TukTuk, bevor wir dann am Stadtrand absteigen und zu Fuß weitergehen. Es ist ein kalter Morgen und wir wandern zunächst durch Nebelschwaden Richtung nördliches Hochland. Arnoon erstaunt uns recht schnell mit sehr großem Wissen über allerlei Dinge…
-Wusstet ihr zum Beispiel, dass die Pflanze “Mimosa” nach einer Berührung durch Wassertropfen oder einem menschlichen Zeigefinger zum Schutz die Blätter hängen lässt? Ich konnte sehen, was die deutsche Redensart “Stell dich halt an wie eine Mimose” bedeutet.-
…er erzählt uns von den Konflikten im Land und einer Karte Myanmar’s, auf der zu sehen ist, in welche Bereiche des Landes Touristen reisen dürfen. Die Farbe Gelb bedeutet “erlaubt, da safe”, Orange heißt “erlaubt, Zustand ist aber kritisch” und Rot gibt zu verstehen “gesperrt, da nicht sicher”. Der Chin State ist orange, was wir nach eigenen Recherchen bereits vermutet haben, da nur etwa 100-150 Kilometer südwestlich des Mount Victoria, im rot markierten Rakhine State aktuell die religiösen Kämpfe zwischen Buddhisten und Muslime stattfinden. Das Gebiet rund um Hsipaw erstrahlt in gelb, doch unweit unserer Trekkingroute beginnt die rote Nordhälfte Myanmar’s, in der es keinem Touristen erlaubt ist zu reisen. Grund hierfür ist die Tatsache, dass die Gegenden mit Landminen kontaminiert sind und dort die kämpferischen Handlungen zwischen dem staatlichen Militär sowie deren verbündeten ethnischen Armeen und der rebellenähnlichen Palaung-Armee geführt werden. Arnoon erzählt uns davon, wie die Palaung-Armee versucht, ihre Unabhängigkeit beizubehalten und sich gegen die Idee von einem gemeinsamen Myanmar sträubt. Um neue Mitstreiter für den Kampf gegen die Regierung zu gewinnen, dringen sie sporadisch in die Bergdörfer vor, um junge Frauen und Männer zwischen 18 und 30 in die Armee zu zwingen. Viele junge Menschen verlassen aus Angst ihre Dörfer und Familien und auch unser Guide lebt aufgrund dieser Tatsache bei seinen Großeltern in der Stadt. Die Anhänger der Palaung-Bewegung schrecken offenbar nicht davor zurück, bei der Rekrutierung ihre Schusswaffen einzusetzen oder die jungen Menschen durch untergejubeltes Opium zu erpressen, in dem sie sie des Rauschgifthandels bezichtigen. Unser Guide erzählt uns, dass die einzelnen Dörfer dank Smartphones in regelmäßigem Kontakt miteinander stehen können, um sich gegenseitig darüber zu informieren, wenn Militär oder Palaung-Armee in der Nähe sind und auch er unsere Route von Zeit zu Zeit von seinen Kontaktpersonen auf der Strecke freigeben lassen wird. Alles in allem hört sich das nicht gerade ungefährlich an und ich frage ihn, ob wir eventuell Soldaten der Palaung-Armee begegnen werden, was er nicht ausschließt.
Und dann sind sie auch bereits da. Auf einem Hügel platziert, sitzt ein in Flecktarn gekleideter junger Soldat neben der Straße vor einem Campingtisch mit einem Funkgerät darauf und zwei weitere Kameraden lehnen rauchend an einem Holzzaun, die Straße mit einem Eisengatter versperrt. Als wir näherkommen, schauen die beiden Kämpfer auf und kommen auf uns zu. Unser Guide flüstert uns von rechts zu, wir sollen weiterlaufen, was wir tun. Ich verspüre Angst. In einiger Entfernung bleiben Ludek und ich schließlich stehen und linsen zurück. Unser Guide hat seinen Rucksack auf einen kleinen Tisch gestellt und unterhält sich mit einem der beiden Soldaten, während der andere den Rucksack inspiziert. Wenige Minuten später ist Arnoon dann wieder bei uns; alles gut, das waren Anhänger der Shan-Armee, Kämpfer einer der ethnischen Gruppen Myanmar’s, die mit der Regierung zusammenarbeiten. Sein Rucksack wurde auf Opium, Waffen und Anzeichen für eine Zugehörigkeit zur Palaung-Armee kontrolliert und ihm wurden Fragen zu unserer Trekking-Route gestellt.
Schon bald passieren wir dann auch im Shan-State die üblichen kleinen Dörfer und die Kinder kommen uns, wie bereits im Chin State, winkend, bis über beide Ohren strahlend und mit riesigen, freudestrahlenden, braunen Augen entgegengesprungen. Die Wörter, die sie rufen, kann ich dieses Mal aber nicht verstehen, die Sprache hat sich abermals geändert; neue Provinz, neue ethnische Gruppe, neue Sprache. Auf dem Weg über eine weite, grüne Wiese, kurz nach dem ersten Dörfchen, hören wir dann auch schließlich zum ersten Mal das Grollen. Während ich es für einen Donner in der Ferne halte, identifiziert Ludek es als ein unbedeutendes Tiergeräusch in der näheren Umgebung. Arnoon wählt indessen einen Kontakt auf seinem Mobiltelefon und wählt die Nummer…er erkundigt sich, ob unser Nachtquartier sicher ist. Arnoon hat eine Explosion gehört…die Kämpfe finden weiter im Norden statt; das Nachtquartier ist für heute sicher.
…wir folgen dem Pfad aus dem zweiten Dörfchen heraus und schon bald erkennen wir überall um uns herum Tee-Bäume, durch deren Mitte uns unser Pfad führt. Hier in der Region nordöstlich Mandalays leben viele Tee-Farmerfamilien. Aus den Teeplantagen heraus, geht es schließlich steiler bergauf und wir folgen alten Trampelpfaden, welche durch freilebende Rinder erschaffen wurden. Es ist inzwischen Nachmittag, die Sonne steht hoch am Himmel und strahlt warm herab. Die Luft ist erfüllt von allerlei Gerüchen, welche von Gräsern und Blumen stammen, Vögel zwitschern ihr Lied. Wir hiken durch alte Wälder, die mich bereits deutlich an Urwald erinnern und haben eine herrliche Aussicht, auf die Berge ringsherum. Eine wundervolle Gegend! …Donner.
Gegen 16.30Uhr erreichen wir schließlich unser Quartier für die Nacht. Ein Farmhaus am Rande eines kleinen Dörfchens, dessen Vorhof uns einen phantastischen Blick auf das Tal und die dahinter liegende Bergkette beschert. Der kleine Vorhof ist zum Weg, über den wir ins Dorf gekommen sind, etwa drei Meter nach unten versetzt und strahlt ein heimeliges Gefühl aus. Hühner mit kleinen Küken bicken im Hof umher, zwei Kätzchen hetzen spielerisch hintereinander her, ein kleiner pelziger Hundewelpe rennt uns schwanzwedelnd entgegen und…ein etwa 12-jähriger Junge reitet uns auf einem Buffalo grinsend entgegen. Das Haus selbst ist wie üblich auf Stelzen, aus Holz erbaut und die Schlafräume befinden sich im ersten Stock. Um die Stelzen wurden hier aus Bambusfasern Wände geflochten, die so nun einen großen Stauraum im Erdgeschoss für Lebensmittel schaffen.
Feierabend. Ab jetzt wirds gemütlich. Nachdem wir unser weniges Gepäck auf unser Zimmer gebracht und uns flüchtig etwas frisch gemacht haben (Duschen gibt’s hier wieder nicht mehr), setzen wir uns in den Vorhof auf zwei Stühle. Arnoon hat ein Lagerfeuer entzündet, von der Küche werden uns ein paar köstlich-süße Bananen sowie aufgebrühter Grüntee aus eigenem Anbau gebracht. Wir genießen die herrliche Aussicht auf die grüne Berglandschaft ringsherum, die sich auf der anderen Seite des Tals in das rot markierte Nord-Myanmar erstreckt. Atemberaubend präsentiert sich vor uns die Natur und darüber der blaue Himmel, während wir vertraute Vogelgesänge und das Summen unterschiedlicher Insekten vernehmen können. Ein magisches Fleckchen, an dem es sich definitiv aushalten lässt.
Was das Grollen in der Ferne betrifft, so haben wir über den Nachmittag verteilt insgesamt vier bis fünf Explosionen wahrgenommen. Kontakte zur Palaung-Armee oder anderen Rebellentruppen gab es aber keine mehr.








