Neuseeland, Kaikoura

Kaikoura liegt etwa 180 Kilometer nördlich von Christchurch an der Ostküste Neuseelands und ist vor allem für zwei Dinge bekannt: Für seine Vielfalt an Meeresbewohnern und für Touren, um die Geschöpfe vom Wasser aus zu sichten. Ich bin gestern Abend in Kaikoura angekommen und hatte bereits im Vorhinein geplant, eine Tour mitzumachen. Was die Buchung angeht, so hab ich diese gestern Abend auch noch getätigt. Was die Tour angeht, so wollte ich Wale sehen…hab ich aber in Sydney vor fünf Wochen eigentlich auch schon…und hab mich spontan umentschieden…

Mein Wecker klingelt um 07.15Uhr, doch ich bin schon wach. Zu aufgeregt, was mich heute Vormittag erwartet, bin ich die Nacht über mehrmals aufgewacht. Um 8.00Uhr fahre ich schließlich vom Campingplatz, durchquere das kleine Örtchen Kaikoura und biege 10 Minuten später auf den Parkplatz des “Encounter…Kaikoura”-Centers ein, wo ich meinen Wagen abstelle. Rein ins Gebäude, bei der Anmeldung kurz die eigene körperliche Fitness und das Nichtvorhandensein von irgendwelchen physischen Einschränkungen bestätigen, befinde ich mich wenig später in einer Ausrüstungskammer und werde vom Ankleidepersonal abschätzend gemustert. Mit dem auf meine Körpergröße abgestimmten Equipment geht es weiter in einen Umkleideraum, wo ich auf andere männliche Tour-Teilnehmer treffe und wechsle meine Kleidung. Einen Longsuit-Glathautneoprenanzug in der Dicke von 5 Millimetern, eine zusätzliche Neoprenjacke, Neoprenschuhe sowie eine Neoprenhaube für den Kopf in jeweils ebenfalls 5 Millimeter Materialdicke; das Meerwasser hier scheint wirklich kalt zu sein. Mit Taucherbrille, Schnorchel und Schwimmflossen marschieren wir gemeinsam weiter in einen TV-Raum, wo uns mittels Videobotschaft mehr über den Ablauf unserer heutigen Tour sowie entsprechende Verhaltensrichtlinien und Tipps an die Hand gegeben werden. Anschließend geht es durch einen Ausgang auf der Rückseite des Gebäudes zu einem Bus, der uns zu unserem Boot im Hafen fährt und geschätzt 20 Minuten später passieren wir die Hafeneinfahrt in Richtung offener See.

Wir sind 12 Personen auf meinem Schiff plus zwei Mädels vom Veranstalterteam und dem Kapitän. Es ist kein kalter Morgen und wahrscheinlich gerade deswegen liegt die Küste vor Kaikoura in dichtem Nebel. Ich sehe gefühlt keine 50 Meter weit und kann nur hoffen, dass das Wetter noch weiter aufklart. Der Seegang ist immerhin ruhig heute morgen und es weht kaum ein Wind…bis auf die Sicht über Wasser eigentlich optimale Bedingungen. Nach etwa 30 Minuten hat der Kapitän gefunden, wonach er gesucht hat und unser Boot wird langsamer. Die beiden vom Veranstalterteam treiben uns an, uns aus der warmen Kabine im Inneren nach draußen in den hinteren Bereich des kleinen Schiffes zu begeben, unsere Neoprenhauben überzuziehen, die Schwimmflossen anzulegen…für die Taucherbrillen bekommen wir noch einen Spritzer Spülmittel aufs Glas, den wir mit den Fingern verreiben und was gegen das Beschlagen des Sichtfensters helfen soll. Das Boot ist zwischenzeitlich zum Stillstand gekommen, wir ziehen die Taucherbrillen übers Gesicht, führen die Schnorchel in den Mund und nehmen auf der Badeplattform hinten am Heck Platz, die über vier Stufen zum Wasser hin abflacht, um auf das Startsignal zu warten. Dann ertönt die Sirene…

Einer nach dem anderen von uns gleitet ins Wasser und wie ich ins Wasser eintauche, fühle ich, wie das kalte Meerwasser meinen Neoprenanzug flutet. Augenblicklich schmecke ich das Salzwasser in meinem Mund, rieche ich das Salzwasser in meiner Nase. 12,5°C Wassertemperatur. Ein Blick zurück zur Crew an Bord und ich sehe die Arme, die in Richtung rechts zeigen. Also rechts. Ich lehne mich in die nächste Woge, tauche mein Gesicht unter Wasser, falte meine Hände vor meine Brust und meine Beine beginnen sich auf und ab zu bewegen. Durch die Schwimmflossen an meinen Füßen werde ich zügig schneller. Ich schaue kurz nach oben und kann eine Rückenflosse erkennen, die aus dem Wasser ragt. Noch etwa 10 Meter…ich beschleunige meine Beinbewegungen ein wenig und mein Blick sucht den Bereich unter Wasser vor und neben mir ab. Dann schnellt der Erste an mir vorbei. Seine Größe schätze ich auf etwas über 1,5 Meter. Der Zweite. Eine glatte Haut in den Farbtönen blau, grau und weiß, die mich spontan an eine dicke, feste Gummibeschichtung erinnert. Der Dritte. Seine kleinen Augen betrachten mich interessiert und seine Gesichtszüge wirken tatsächlich verschmitzt grinsend. Dann sind sie im Blau des Wassers vor mir wieder verschwunden. Delfine. Oder genauer benannt: Schwarzdelfine.

Ich erinnere mich an das Video im Center und daran, dass die Meeresbewohner bespaßt werden wollen. Man muss sich anstrengen und etwas dafür tun, dass sie sich für dich interessieren. Ich fange an zu summen. Hoch und laut. Die Melodie des Kinder-Schlafliedes “LaLeLu”. Und zwischendurch kichere ich noch höher und lauter, um noch stärker auf mich aufmerksam zu machen, da sich die anderen Teilnehmer zwischenzeitlich auch an das Video erinnert haben. Die beiden Mädels an Bord haben vermutlich einiges zu lachen bei 12 mit Armen und Beinen rudernden, laut summenden und brummenden Freaks im Wasser. Und den Delfinen gefällt es offenbar auch. Ein ums andere Mal schwimmen verschiedene der Tiere links, rechts oder direkt vor mir an mir vorbei. Zwei, drei Mal befinde ich mich mitten im Schwarm und sehe 6, 7, 8 Tiere auf einmal. Ich hebe den Kopf über Wasser und sehe 3, 4, 5 Rückenflossen unmittelbar um mich herum. Gleich wie ich tauchen auch sie immer wieder auf und holen Luft an der Oberfläche, bevor sie wieder untertauchen. Ich habe das Gefühl, dass ihnen die langgezogenen, monotonen Töne besonders gut gefallen. Sie brausen an mir vorbei, ziehen eine große Schleife vor mir und kommen zurück, um dicht an meinem Gesicht vorbeizuschießen. Einige Male schwimmen sie im Kreis um mich herum, woraufhin ich einsteige und mich ebenfalls versuche, um mich selbst zu drehen, was sie wiederum offensichtlich als Herausforderung wahrnehmen und schneller und schneller werden. Ihre Ausdauer ist besser.

Als die Tiere schließlich weiterziehen, was der Kapitän von seiner Position auf dem Boot sehr gut ausmachen kann, holt er uns durch ein erneutes Aufheulen der Sirene an Bord zurück und fährt ein Stück weiter die Küste hoch. Obwohl der Nebel sich zwischenzeitlich gelichtet hat und die Sonne rausgekommen ist, ist es durch die nassen Neoprenanzüge jetzt kälter auf dem Boot und als die Crew uns anweist, uns erneut fertig zu machen, ist die Freude groß. Ein jeder von uns hat in den letzten Minuten diesen ersten Kontakt reflektiert und jetzt neue Ideen, was er an seinem Verhalten im Wasser noch verbessern kann. Die Sirene ertönt.

Der Ablauf wiederholt sich schließlich auch noch ein drittes Mal und jedes Mal haben wir unglaubliches Glück bezüglich der Anzahl, der Aktivität und dem Interesse der Meeresbewohner an uns.

Als wir schließlich den Heimweg antreten und sich unser Boot Richtung Kaikoura zurückbewegt, haben wir noch die Möglichkeit, Fotos zu schießen und die Delfine haben zu unserem Glück noch nicht genug von uns. Sie schwimmen ums Boot herum, tollen im Wasser umher und versuchen, mit uns mitzuhalten. Der Kapitän beschleunigt unser kleines Schiff, doch die Delfine lassen sich nicht abschütteln. Ich stehe vorne am Bug und halte mich an der Reling fest, während mit der kalte Fahrtwind ins Gesicht peitscht. Im Wasser unter mir schwimmen die großen Fische mit uns um die Wette. Immer wieder ziehen sie unter dem Bug hervor oder an der Seite vorbei und springen übermütig aus dem Wasser. Man kann deutlich erkennen, dass diese Tiere einen Heidenspaß dabei haben. Weitere unbeschreibliche Minuten, in denen mir zu allem Überfluss dann auch noch ein paar sensationelle Foto gelingen.

Im Video am Morgen und auch im Bus auf dem Weg zum Hafen wurde uns mehrmals bewusst gemacht, dass es sich um freilebende Lebewesen handelt, die nicht dressiert sind und um deren Gunst wir uns bemühen müssen. Es könne durchaus sein, dass nur einzelne bis gar keine Tiere gesichtet werden oder die Delfine sich bedrängt fühlen und das Weite suchen. Das absolute Gegenteil ist bei uns der Fall, wodurch ich doppelt von einem einmaligen Erlebnis sprechen kann.

Der wirklich einzige Punkt, den ich bei diesem Erlebnis ankreiden könnte, ist, dass diese wunderbaren Geschöpfe sehr flink unterwegs sind und zu keiner Zeit stillstehen, wodurch es unmöglich ist, sie aus der Nähe genauer und in Ruhe zu betrachten. Aber das liegt wohl in der Natur wild- und freilebender Delfine.

Einmal in meinem Leben im offenen Ozean mit freien Delfinen schwimmen: Check!

Kurz vor Kaikoura…
Kurz vor Kaikoura…eine Robbenkolonie.
…und dann schließlich in Kaikoura.

See ya, Kaikoura!

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