Guten Morgen, Mindat. Es ist 08.30Uhr und Ludek, Nonie und ich stehen vor dem Victoria Guesthouse. Nonie lebt in Melbourne und ist gestern morgen vor dem Ostello Bello-Hostel in Bagan zu uns gestoßen, als wir auf unseren Fahrer nach Pakokku gewartet haben, von wo aus dann der Bus nach Mindat losfuhr. Gleich wie wir ist Sie alleine unterwegs und hat Lust, den Chin-Staat bei einem Trek etwas besser kennenzulernen…willkommen in der Gang.
《Klammer auf》 Nachdem wir gestern Nachmittag in Mindat angekommen sind, mussten wir feststellen, dass die Gerüchte wahr sind. Nachdem bereits in unserem Mini-Van, mit dem wir angekommen waren, keine weiteren westlichen Menschen mitgefahren sind, ist auch hier in Mindat keine wirkliche Spur von Tourismus zu sehen. Ebenso gibt es kein Internet, in unserem Guesthouse kann man die Dusche nur auf kälter stellen und Geldautomaten können wir auch keine finden. Letzteres wurde uns dann später am Abend schließlich zum Verhängnis, als wir mit unserem Guide die Bestandteile der Tour zusammengesteckt hatten. Als das Programm soweit stand und es ans bezahlen ging, fiel uns dreien prompt auf, dass keiner von uns ausreichend liquide war. Der nächste ATM steht laut unserem Guide im sechs Stunden entfernten Pakokku und ein Bankkonto zu besitzen ist in dieser Umgebung nicht üblich. Wir freuen uns jetzt auf einen 2 Tages-Trek, in dem wir dank unserem Guide aber trotzdem auf nichts verzichten müssen, was uns wichtig war. 《Klammer zu》
Naing Awm, unser Guide, kommt mit zwei seiner Freunde auf Motorrädern, um uns abzuholen. Ich schwing mich bei unserem Guide auf den Rücksitz, Helme gibt es hier nicht. Nach kurzen Zwischenstopps, bei denen zunächst die Motorräder und dann unsere Rucksäcke mit Flüssigkeit aufgefüllt werden, rollen wir vom in etwa 1.500 Höhenmeter gelegenen Mindat über provisorische Straßen aus platt gestampftem Staub in Richtung Tal. Runde um Runde windet sich die Serpentine am Hang entlang nach unten, bis wir schließlich einen Fluß erreichen, an dem wir die Motorräder und auch die beiden Freunde von Naing Awm hinter uns lassen und zu Fuß weitergehen. Zu Fuß weiter, über eine schmale Hängebrücke aus Holz, auf der anderen Seite wieder den Berg hoch. Naing Awm erzählt uns, dass durch die Regenzeit von Juli bis Oktober die Straßen hier durch Erdrutsche vollkommen zerstört werden und so jedes Jahr aufs Neue große Firmen aus Mandalay anrücken, um neue Straßen in den Hang zu graben. Ein lohnendes Geschäft.
Nach etwa zwei Stunden erreichen wir das erste Dörfchen, dass sich auf der Spitze des erklommenen Berges befindet. Pukun. Allzu viele Touristen dürften sich hier nicht her verirren; die Dorfbewohner inspizieren uns erstaunt aber freundlich lächelnd und die Kinder schlawinern ginant um uns herum. Unser Guide erzählt uns von zwei unterschiedlichen Glaubensrichtungen in der Region, wonach die Menschen dem alten Glauben nach den Geistern von Kühen huldigen, die sie einst besaßen und dann geschlachtet haben. Die Schädel der Kühe werden zum Gedenken (und aufgrund des hohen Anschaffungspreises für eine Kuh auch ein wenig als Statussymbol) an den Hauswänden der jeweiligen Besitzer angebracht. Der neue Glaube ist der Christliche. Und wie uns unser Guide davon berichtet hat, kommt auch prompt schon der christliche Pastor des Dorfes angeeilt und lädt uns in sein Haus ein, um den großen Kürbis zu betrachten, der in seinem Garten gewachsen ist…
Unser Weg führt uns weiter über kleinere Sträßchen und Pfade, durch herrliche Waldlandschaften, immer den Blick auf die Berge ringsherum gerichtet. Gegen 14.00Uhr erreichen wir dann irgendwann das zweite, etwas größere Dorf, wo eine leckere Kohl-Suppe und gebratener “Ich will da rein liegen”-Gemüsereis mit Ei auf uns warten. Madat. Uns fallen überall die älteren Frauen mit tätowierten Gesichtern auf und Naing Awm erzählt uns, dass die Frauen sich in der Vergangenheit tätowiert haben, um hässlich zu sein. Hässlich sein zum Schutz, um nicht vom König an seinen Hof ausgewählt zu werden und später dann zum Schutz vor Übergriffen durch die Soldaten der birmanischen Armee.
Für den späten Nachmittag sind wir in ein weiteres Dorf unweit unseres Nachtquartiers eingeladen worden, um dort einem lokalen Tanz beizuwohnen. Die Dorfbewohner feiern dort die Rückkehr verschiedener Familienmitglieder, die zuletzt auf den Farmen im Hochland verbracht haben und nun ins Heimatdorf zurückkehren. Zusätzlich werden drei Gäste aus Europa erwartet, die vor 13 Jahren bereits einmal im Namen einer NGO das Dorf besucht haben und bis heute mit den Bewohnern in Kontakt stehen. Wir sind nach dem hervorragenden Mittagessen und einigen Fotos sowie Gesprächen mit dem Dorf-Pastor, der uns im Namen Gottes in Madat willkommen geheißen hat, spät dran und unser Guide führt uns prompt querfeldein. “The most dangerous animals in this area are tigers and a very poisonously and aggressive short, black snake. But the tigers are living more in the deeper jungle”. “Ähm, und die sch**ß Schlange?”. Wir stolpern auf einem schmalen Trampelpfad einen erneuten Berg hinunter, durch hohes Savannengras, über loses Geröll, unter Bananenstauden hindurch und an irgendwelchen Kletten vorbei, die sich überall an uns festklammern. Als wir das Dorf erreichen, werden wir mit einem lauten Schuss aus einem alten Jagdgewehr und traditioneller Musik begrüßt. Der Eingang zum Dorf ist mit roten Bändern und Fahnen geschmückt und Frauen mit tätowierten Gesichtern, die hier im Chin-Staat im übrigen auch überall Pfeife rauchen, reichen uns strahlend in ausgekochten Kuhhörnern selbstgemachten Wein. Wir sind durch die genommene Abkürzung prompt die ersten Ankömmlinge im Dorf und da die Ehrengäste erst in etwa 45 Minuten erwartet werden, entscheiden wir uns spontan zu einem kleinen Spaziergang durch das Dorf Lote Pei…
…und finden uns prompt auf einem Fussballfeld oder vielmehr in einer kleinen Arena wieder. Der Platz, auf dem wir stehen, ist von Hügeln umgeben, an denen sich die Hütten Lote Pei’s nach oben ziehen. Etwa fünfzehn Jungs zwischen 6 und 12 Jahren stehen uns gegenüber, alle sind sie in Fussballtrikots verschiedener, internationaler Vereine gekleidet und jeder Einzelne grinst voller aufgeregter Vorfreude, als wir unsere Rucksäcke von den Schultern nehmen. Der Ball liegt auf dem Feld. Mit einem lauten Schrei startet das Match und zunächst herrscht einfach nur wildes Gewusel, bis jeder seine passende Position findet. Nach wenigen Minuten hochstrategischem Hin- und Hergekicke kommt prompt einer von Ludek’s Pässen genau auf meinem Größe 48-Fuß an und ich verwandle das Ding in CR7-Manier zum 0:1. Führung. Die Lote Pei-Allstars erhöhen als Antwort darauf nun das Tempo und drängen uns in unsere Spielfeldhälfte zurück. Getrieben vom Siegeswunsch starten sie einen Angriff nach dem anderen und ich habe Mühe damit, auf keinen der Knirpse draufzutreten. Der Heimvorteil beschert schließlich den Ausgleich. 1:1. In einer guten Geschichte würde nun das Dramatik-Level steigen. Der Himmel würde sich verdunkeln und Blitze spucken. Der Boden würde aufbrechen und Lemminge zum Vorschein bringen. Riesige Tiger und kurze, schwarze Giftschlangen würden aus dem Dschungel auf den Platz treten und sich vor uns verbeugen, bevor sie sich ihre Trikots überwerfen und sich, zum Angriff bereit, auf unsere Seite des Spielfelds stellen würden. Hätten wir einen Trainer oder Captain im Team, würde dieser eine heroische Rede halten. Hätten wir Fans, würden ihre rauen Sprechchöre unter donnernden Paukenschlägen, wehenden Fahnen und lauten Hände-Klatsch-Choreos übers Feld hallen (“we are blue – we are white”, Namenskollege!). Nichts des gleichen passiert; wir kriegen ne Packung. 2:1. Es geht weiter. Wir versuchen mit aller Kraft, der geballten Kraft der dunklen Seite der Macht etwas entgegenzusetzen und wie durch ein Wunder gelingt es unserem Guide, einen Pass auf Nonie zu schieben, die zwar definitiv im Abseits steht (sie ist die einzige Person in der gegnerischen Spielhälfte), das Ei aber klaaar zum Ausgleich versenkt. Wir sind größer, wir haben Bartwuchs, 2:2! Trotz zweier Überläufer, die uns ab sofort den Kasten sauber halten, gelingt es uns nicht noch einmal, den Ball nach vorne zu spielen und mit der Schlussphase verlässt uns schließlich die Konzentration. Die Profis von Lote Pei starten einen neuen Angriff…der Junge im Trikot der argentinischen Nationalmannschaft spielt quer…uuund…klar, der Torschütze trägt das weiße Real Madrid-Shirt. 3:2. Unfaire Fauler! Wie auch immer: Vom Jungen im Dortmund-Trikot hatte ich mir etwas mehr erhofft, Domi!
Wir kommen genau zur rechten Zeit zurück zur Festgesellschaft und wie wir eintreffen sehen wir die Neuankömmlinge durchs Tor schreiten. Der Tanz beginnt und alle schauen gespannt zu den Akteuren. Der Tanz beinhaltet vier Teile und erzählt die Geschichte des alten Glaubens, wonach der Geist der Kuh die Dorfbewohner beschützt und bei der Nahrungsbeschaffung unterstützt. Der Tanz endet mit einem kräftigen Applaus (den wir beim Fussballspiel vermisst haben).
Etwa 20 Minuten später erreichen wir das Dörfchen Kyrado und werden herzlich von der Familie, bei der wir die Nacht über untergebracht sind, begrüßt. Naja gut, die beiden Jungs im Alter von etwa 6 und 10 betrachten uns erstmal schüchtern aus sicherer Entfernung. Das Stelzenhaus, das vollständig aus Holz erbaut ist, hat drei große Räume, wovon im Rechten die Küche untergebracht ist und der Linke der Familie als Schlafplatz dient. Der mittlere Raum dient als Lagerraum und Gästezimmer. Als wir eintreten, sehen wir direkt unsere Schlafplätze; jemand hat liebevoll drei dünne Matratzen auf dem Boden ausgelegt, gegen die Kälte von unten zusätzlich über jede Matratze einen Teppich ausgebreitet und für jeden von uns zwei dicke Decken zum Zudecken bereitgelegt; wir befinden uns auf etwa 2.500 Höhenmetern, da wird es zu dieser Jahreszeit nachts auch in Myanmar empfindlich kalt.
Ludek, Nonie und ich entscheiden uns vor dem Abendessen und dem zu Bett gehen noch eine kleine Runde durch das Dorf zu drehen und bekommen hierfür von unserem Guide das Wörtchen Hallo in Chin State-Sprache mit auf den Weg. “Ne-gei-do”. Dass Neuankömmlinge im Dorf sind, die ganz anders aussehen und die riesig sind, spricht sich schnell herum und wie wir so den Hauptpfad entlangschlendern, strecken überall die Kinder und auch Frauen und Männer die Köpfe aus den Fenstern heraus. Die Kinder rufen “Hello hello”, “ne-gei-do” und “dada”, was soviel wie byebye heißt. Sie winken uns zu und strahlen mit funkelnden Augen. Die meisten zumindest. Als wir zu ein paar Kindern näher herantreten, fangen die Kleinsten aufgrund unserer Größe, der weißen Haut sowie dem strohblonden Haar von Nonie und den dunklen Bärten von Ludek und mir zu weinen an. Das wollten wir nicht. Schnell weiter…












Vielleicht solltest du Schriftsteller werden, oder Reporter, oder Journalist, du hast früher schon super Aufsätze in der Schule geschrieben ☺! Und das hat sich nicht geändert! ! Bin stolz auf dich
Hatte mir letzten Sommer mal kurzzeitig Gedanken darüber gemacht… 😀 🙂