Nach 1 ½ Wochen auf Tour bin ich inzwischen im Fjordland Nationalpark im Südwesten der Südinsel angekommen. Während der südliche Teil des über 12.500 Quadratkilometer großen Areals bis heute recht unerschlossen ist und auch keine Menschen in diesem Gebiet wohnen, gibt es im oberen nördlichen Teil eine Hand voll kleinerer Siedlungen und unzählige Möglichkeiten, den Nationalpark zu Fuß zu erkunden. Über 12.500 Quadratkilometer, auf denen sich breite Meeresarme zu azurblauen Seen und wilden Flüssen, zu Ebenen voller grün leuchtendem Farn und mit Moos überzogenen Waldböden, zu dichten Nadel- und uralten Laubwäldern, zu beeindruckenden Felsformationen, über die Wasserfälle Richtung Erde prasseln, vortasten.
Die zwei bekanntesten Buchten bzw. Fjorde im Fjordland sind der Milford Sound und der Doubtful Sound, zu denen auch Touren angeboten werden und die man so von einem Boot aus näher betrachten kann. Der Startpunkt der Touren in den Milford Sound beginnt 122 Kilometer nördlich dem kleinen 2.000 Einwohner-Städtchen Te Anau, in dem ich vorübergehend mein Lager aufgeschlagen habe. Bereits die Anfahrt zu benanntem Startpunkt über den Milford Sound Highway soll unbeschreiblich schön sein, was ich mir natürlich anschaue…
Mein Trip beginnt erstmal damit, dass ich vor lauter Vorfreude mit erhöhter Geschwindigkeit aus Te Anau rausfahre und plötzlich ein blinkendes Polizeiauto in meinem Rückspiegel sehe. 80,- NZD (Neuseeländische Dollar); umgerechnet etwa 45,- EUR (Euro). Die Ordnungshüterin verkündet stolz, dass die Rechnung an meine Anschrift in Deutschland geschickt wird, ich den Betrag aber auch vorab bereits per Kreditkarte auf der Homepage drivesafe.org.nz begleichen kann. Vielen Dank!
Danach führt meine Fahrt langsamer zunächst durch klassisches neuseeländisches Weideland, auf dem unzählige Schafe mit ihren aktuell etwa 1-2 Monate alten Lämmchen am grasen sind. Weder an diesem wunderschönen Weideland noch an den Tieren darauf kann ich mich satt sehen und so wandert mein Blick freudestrahlend von links nach rechts und wieder zurück. Nach einigen Kilometern verändert sich schließlich das Landschaftsbild und es wird rauer. Ich fahre nun tiefer ins südliche Alpenland hinein. An meinem Fenster ziehen vor allem Wälder vorbei, die von Zeit zu Zeit lichter werden und dann den Blick auf große ausgetrocknete Flußläufe und typische Tundra-Ebenen freigeben. Die Straße ist sehr kurvig und unübersichtlich, wodurch ich trotz der erlaubten 100 Stundenkilometer nun mit nur etwa 50-60 Stundenkilometer und somit deutlich unter der zulässigen Höchstgeschwindigkeit vorankomme. Dem Neuseeländer hinter mir macht das vermutlich mehr aus als mir; er kennt die Strecke und will zügig an sein Ziel, ich fahre gerade mein Ziel entlang und bestaune die Umgebung.
Wie ich nach insgesamt 86 Kilometer “the divide”, den niedrigsten Ost/West-Pass der südlichen Alpen, passiere, verändert sich die Landschaft um mich herum erneut und der Milford Sound Highway führt mich tief in ein Tal hinab. Während die Felswand links von mir höher und höher wächst, eröffnet sich mir zu meiner Rechten ein riesiger Bergeinschnitt, der von schneebedeckten Gipfeln umgeben ist und durch den sich mittig ein gewaltiger Gebirgsfluss zwischen buntem Mischwald hindurchschlängelt. Und dann geht es wieder aufwärts. Zum Homer Tunnel. Ein gelbes Hinweisschild links der Fahrbahn bittet mich darum, den hier in der Region lebenden Bergpapagei Kea nicht zu füttern. Der Kea ist der einzige Papagei der Welt, der ausschließlich in den Bergen beheimatet ist und kommt nur hier im Süden Neuseelands vor. Wenn ich ihn sehe…nicht füttern. Verstanden.
Vor dem Homer Tunnel stehe ich erstmal vor einer roten Ampel. Die Öffnung zum Tunnel ist auf 922 Metern über Meeresspiegel der höchste Punkt des Milford Sound Highways und der Tunnel trotz oder gerade wegen der Länge von 1,2 Kilometern nur einspurig befahrbar. Als die Ampel schließlich auf grün schaltet, stelle ich fest, dass der Durchgang innen so ausschaut, als würde er sich noch im Rohbau befinden, während ich auf 793 Höhenmeter runter fahre. Mit Druck auf den Ohren gelange ich in ein weiteres Tal, das von den Felswänden links und rechts erdrückt zu werden scheint und in dem ein bedrohlicher Nebelschleier über den engen Serpentinen hängt. Das gelbe Hinweisschild, das ich dieses Mal sehe, weißt mich nicht auf den Kea-Vogel sondern auf mögliche Steinlawinen hin und bittet mich darum, auf den nächsten Kilometern nicht anzuhalten sondern zügig durchs Tal zu fahren. Nachdem ich das Ende der Serpentinen erreicht habe, ohne dass mir von links oder rechts Gesteinsbrocken Kratzer in den Lack gemacht haben, führt mich die kurvige Straße die letzten 20 Kilometer durch wundervollen bunten Mischwald, bevor ich schließlich mein Ziel erreiche und am Ufer vor dem Eingang zum Milford Sound stehe.
Grob 45 Minuten später mache ich mich wieder auf den Rückweg. Es ist bereits später Nachmittag und so begegnen mir kaum noch Autos auf der Straße, da der Highway von Te Anau ausschließlich zum Eingang in den Fjord führt und die meisten Besucher in ihren Autos und Reisebussen bereits morgens hierher fahren und am frühen Nachmittag wieder den Heimweg antreten, um der Abenddämmerung in diesem Gebiet zu entgehen. Das Tal vor dem Homer Tunnel scheint sich bei meiner Rückkehr weiter eingenebelt zu haben, so dass die Fahrt nach oben zum Tunneleingang, auf der mich steigende Nebelschwaden begleiten, irgendwie gespenstisch wirkt. Oben angekommen, zeigt mir die Ampel vor dem großen, schwarzen Loch im Berg das rote Licht und ein Countdown daneben, dass ich noch knapp 10 Minuten zu warten habe, bevor die Ampel auf grün schalten wird und ich meine Fahrt fortsetzen kann. Entschlossen greife ich nach meiner Kamera auf dem Beifahrersitz und steige aus dem Auto. All zu viel ist von den Serpentinen und dem Tal vor mir aufgrund des grauen Schleiers nicht zu sehen aber gerade das verleiht meinen Fotos den gewissen Charme, den ich mir erhofft habe. Ich laufe über die verlassene, durch den Nebel ganz feuchte, Straße ein paar Meter in Richtung Abgrund, nehme meine Einstellungen an der Kamera vor und betätige den Auslöser.
Wie ich zu meinem Auto zurückkehre, registriere ich im ersten Augenblick nicht, was da regungslos auf meinem Autodach sitzt und mich anschaut. Und wie ich es schließlich registriere, realisiere ich es nicht. Ein vergleichbar riesiger Vogel beobachtet mich fixierend mit seinen kleinen Augen. Lange grün schimmernde Federn bedecken seinen Körper und sein Schnabel sowie seine Krallen wirken gigantisch, wie ich drei Meter vor meinem Autodach stehe. Ein Blick auf die Ampeluhr gibt mir einen Teil meiner Gelassenheit zurück; ich hab noch gute 5 Minuten, bis die Ampel auf grün schaltet. Ein zweiter Kea-Papagei erscheint aus dem Gebüsch auf der anderen Straßenseite, hüpft blitzschnell über den Asphalt und hoch auf mein Autodach. Während sich der Zweite schnurstracks mit seinem Schnabel an meiner Türdichtung zu schaffen macht und daran offensichtlich großen Gefallen findet, beäugt mich der Erste immernoch regungslos mit aufgeschlossenem Blick. Behutsam rede ich auf ihn ein, während ich langsam meine Kamera vor mein Auge führe und die Einstellungen auf die neue Gegebenheit anpasse. Selbst als ich meine Fotos gemacht habe und ohne Objektiv vor dem Gesicht noch näher ans Auto herantrete, um die Beiden von Nahem zu beobachten, lassen diese sich nicht aus der Ruhe bringen. Auch nicht, als der Ampel-Countdown schließlich 60 Sekunden anzeigt und ich langsam die Autotüre öffne, ins Auto steige, den Motor starte, losrolle. Über mir auf dem Autodach höre ich Getrappel, doch offenbar haben die Beiden kein Interesse daran, das Dach meines Vans zu verlassen. Erst als ich 200 Meter weiter vorn, kurz vor dem Tunneleingang, kurzzeitig mein Tempo etwas beschleunige und dann nochmal abbremse, sehe ich im Rückspiegel, wie die zwei Kameraden gelassen vom Autodach hüpfen und gemächlich über den Asphalt Richtung Gebüsch stolzieren.


































































