Neuseeland, Kaikoura

Kaikoura liegt etwa 180 Kilometer nördlich von Christchurch an der Ostküste Neuseelands und ist vor allem für zwei Dinge bekannt: Für seine Vielfalt an Meeresbewohnern und für Touren, um die Geschöpfe vom Wasser aus zu sichten. Ich bin gestern Abend in Kaikoura angekommen und hatte bereits im Vorhinein geplant, eine Tour mitzumachen. Was die Buchung angeht, so hab ich diese gestern Abend auch noch getätigt. Was die Tour angeht, so wollte ich Wale sehen…hab ich aber in Sydney vor fünf Wochen eigentlich auch schon…und hab mich spontan umentschieden…

Mein Wecker klingelt um 07.15Uhr, doch ich bin schon wach. Zu aufgeregt, was mich heute Vormittag erwartet, bin ich die Nacht über mehrmals aufgewacht. Um 8.00Uhr fahre ich schließlich vom Campingplatz, durchquere das kleine Örtchen Kaikoura und biege 10 Minuten später auf den Parkplatz des “Encounter…Kaikoura”-Centers ein, wo ich meinen Wagen abstelle. Rein ins Gebäude, bei der Anmeldung kurz die eigene körperliche Fitness und das Nichtvorhandensein von irgendwelchen physischen Einschränkungen bestätigen, befinde ich mich wenig später in einer Ausrüstungskammer und werde vom Ankleidepersonal abschätzend gemustert. Mit dem auf meine Körpergröße abgestimmten Equipment geht es weiter in einen Umkleideraum, wo ich auf andere männliche Tour-Teilnehmer treffe und wechsle meine Kleidung. Einen Longsuit-Glathautneoprenanzug in der Dicke von 5 Millimetern, eine zusätzliche Neoprenjacke, Neoprenschuhe sowie eine Neoprenhaube für den Kopf in jeweils ebenfalls 5 Millimeter Materialdicke; das Meerwasser hier scheint wirklich kalt zu sein. Mit Taucherbrille, Schnorchel und Schwimmflossen marschieren wir gemeinsam weiter in einen TV-Raum, wo uns mittels Videobotschaft mehr über den Ablauf unserer heutigen Tour sowie entsprechende Verhaltensrichtlinien und Tipps an die Hand gegeben werden. Anschließend geht es durch einen Ausgang auf der Rückseite des Gebäudes zu einem Bus, der uns zu unserem Boot im Hafen fährt und geschätzt 20 Minuten später passieren wir die Hafeneinfahrt in Richtung offener See.

Wir sind 12 Personen auf meinem Schiff plus zwei Mädels vom Veranstalterteam und dem Kapitän. Es ist kein kalter Morgen und wahrscheinlich gerade deswegen liegt die Küste vor Kaikoura in dichtem Nebel. Ich sehe gefühlt keine 50 Meter weit und kann nur hoffen, dass das Wetter noch weiter aufklart. Der Seegang ist immerhin ruhig heute morgen und es weht kaum ein Wind…bis auf die Sicht über Wasser eigentlich optimale Bedingungen. Nach etwa 30 Minuten hat der Kapitän gefunden, wonach er gesucht hat und unser Boot wird langsamer. Die beiden vom Veranstalterteam treiben uns an, uns aus der warmen Kabine im Inneren nach draußen in den hinteren Bereich des kleinen Schiffes zu begeben, unsere Neoprenhauben überzuziehen, die Schwimmflossen anzulegen…für die Taucherbrillen bekommen wir noch einen Spritzer Spülmittel aufs Glas, den wir mit den Fingern verreiben und was gegen das Beschlagen des Sichtfensters helfen soll. Das Boot ist zwischenzeitlich zum Stillstand gekommen, wir ziehen die Taucherbrillen übers Gesicht, führen die Schnorchel in den Mund und nehmen auf der Badeplattform hinten am Heck Platz, die über vier Stufen zum Wasser hin abflacht, um auf das Startsignal zu warten. Dann ertönt die Sirene…

Einer nach dem anderen von uns gleitet ins Wasser und wie ich ins Wasser eintauche, fühle ich, wie das kalte Meerwasser meinen Neoprenanzug flutet. Augenblicklich schmecke ich das Salzwasser in meinem Mund, rieche ich das Salzwasser in meiner Nase. 12,5°C Wassertemperatur. Ein Blick zurück zur Crew an Bord und ich sehe die Arme, die in Richtung rechts zeigen. Also rechts. Ich lehne mich in die nächste Woge, tauche mein Gesicht unter Wasser, falte meine Hände vor meine Brust und meine Beine beginnen sich auf und ab zu bewegen. Durch die Schwimmflossen an meinen Füßen werde ich zügig schneller. Ich schaue kurz nach oben und kann eine Rückenflosse erkennen, die aus dem Wasser ragt. Noch etwa 10 Meter…ich beschleunige meine Beinbewegungen ein wenig und mein Blick sucht den Bereich unter Wasser vor und neben mir ab. Dann schnellt der Erste an mir vorbei. Seine Größe schätze ich auf etwas über 1,5 Meter. Der Zweite. Eine glatte Haut in den Farbtönen blau, grau und weiß, die mich spontan an eine dicke, feste Gummibeschichtung erinnert. Der Dritte. Seine kleinen Augen betrachten mich interessiert und seine Gesichtszüge wirken tatsächlich verschmitzt grinsend. Dann sind sie im Blau des Wassers vor mir wieder verschwunden. Delfine. Oder genauer benannt: Schwarzdelfine.

Ich erinnere mich an das Video im Center und daran, dass die Meeresbewohner bespaßt werden wollen. Man muss sich anstrengen und etwas dafür tun, dass sie sich für dich interessieren. Ich fange an zu summen. Hoch und laut. Die Melodie des Kinder-Schlafliedes “LaLeLu”. Und zwischendurch kichere ich noch höher und lauter, um noch stärker auf mich aufmerksam zu machen, da sich die anderen Teilnehmer zwischenzeitlich auch an das Video erinnert haben. Die beiden Mädels an Bord haben vermutlich einiges zu lachen bei 12 mit Armen und Beinen rudernden, laut summenden und brummenden Freaks im Wasser. Und den Delfinen gefällt es offenbar auch. Ein ums andere Mal schwimmen verschiedene der Tiere links, rechts oder direkt vor mir an mir vorbei. Zwei, drei Mal befinde ich mich mitten im Schwarm und sehe 6, 7, 8 Tiere auf einmal. Ich hebe den Kopf über Wasser und sehe 3, 4, 5 Rückenflossen unmittelbar um mich herum. Gleich wie ich tauchen auch sie immer wieder auf und holen Luft an der Oberfläche, bevor sie wieder untertauchen. Ich habe das Gefühl, dass ihnen die langgezogenen, monotonen Töne besonders gut gefallen. Sie brausen an mir vorbei, ziehen eine große Schleife vor mir und kommen zurück, um dicht an meinem Gesicht vorbeizuschießen. Einige Male schwimmen sie im Kreis um mich herum, woraufhin ich einsteige und mich ebenfalls versuche, um mich selbst zu drehen, was sie wiederum offensichtlich als Herausforderung wahrnehmen und schneller und schneller werden. Ihre Ausdauer ist besser.

Als die Tiere schließlich weiterziehen, was der Kapitän von seiner Position auf dem Boot sehr gut ausmachen kann, holt er uns durch ein erneutes Aufheulen der Sirene an Bord zurück und fährt ein Stück weiter die Küste hoch. Obwohl der Nebel sich zwischenzeitlich gelichtet hat und die Sonne rausgekommen ist, ist es durch die nassen Neoprenanzüge jetzt kälter auf dem Boot und als die Crew uns anweist, uns erneut fertig zu machen, ist die Freude groß. Ein jeder von uns hat in den letzten Minuten diesen ersten Kontakt reflektiert und jetzt neue Ideen, was er an seinem Verhalten im Wasser noch verbessern kann. Die Sirene ertönt.

Der Ablauf wiederholt sich schließlich auch noch ein drittes Mal und jedes Mal haben wir unglaubliches Glück bezüglich der Anzahl, der Aktivität und dem Interesse der Meeresbewohner an uns.

Als wir schließlich den Heimweg antreten und sich unser Boot Richtung Kaikoura zurückbewegt, haben wir noch die Möglichkeit, Fotos zu schießen und die Delfine haben zu unserem Glück noch nicht genug von uns. Sie schwimmen ums Boot herum, tollen im Wasser umher und versuchen, mit uns mitzuhalten. Der Kapitän beschleunigt unser kleines Schiff, doch die Delfine lassen sich nicht abschütteln. Ich stehe vorne am Bug und halte mich an der Reling fest, während mit der kalte Fahrtwind ins Gesicht peitscht. Im Wasser unter mir schwimmen die großen Fische mit uns um die Wette. Immer wieder ziehen sie unter dem Bug hervor oder an der Seite vorbei und springen übermütig aus dem Wasser. Man kann deutlich erkennen, dass diese Tiere einen Heidenspaß dabei haben. Weitere unbeschreibliche Minuten, in denen mir zu allem Überfluss dann auch noch ein paar sensationelle Foto gelingen.

Im Video am Morgen und auch im Bus auf dem Weg zum Hafen wurde uns mehrmals bewusst gemacht, dass es sich um freilebende Lebewesen handelt, die nicht dressiert sind und um deren Gunst wir uns bemühen müssen. Es könne durchaus sein, dass nur einzelne bis gar keine Tiere gesichtet werden oder die Delfine sich bedrängt fühlen und das Weite suchen. Das absolute Gegenteil ist bei uns der Fall, wodurch ich doppelt von einem einmaligen Erlebnis sprechen kann.

Der wirklich einzige Punkt, den ich bei diesem Erlebnis ankreiden könnte, ist, dass diese wunderbaren Geschöpfe sehr flink unterwegs sind und zu keiner Zeit stillstehen, wodurch es unmöglich ist, sie aus der Nähe genauer und in Ruhe zu betrachten. Aber das liegt wohl in der Natur wild- und freilebender Delfine.

Einmal in meinem Leben im offenen Ozean mit freien Delfinen schwimmen: Check!

Kurz vor Kaikoura…
Kurz vor Kaikoura…eine Robbenkolonie.
…und dann schließlich in Kaikoura.

See ya, Kaikoura!

Neuseeland, Doubtful Sound

Man sollte den Fjordland Nationalpark wohl nicht verlassen, ohne nicht wenigstens einen der beiden bekannten Fjorde besichtigt zu haben. Ich entscheide mich für den Doubtful Sound, zu dem die Touren zwar deutlich teurer sind als zum Milford Sound, die mich dafür aber weiter ins Hinterland bringen, aufgrund der Anfahrt länger dauern und aufgrund der Preise deutlich weniger Touristen verzeichnen. Zum Doubtful Sound führen keine öffentlichen Straßen und so ist der Zutritt für mich nur mittels zweier in Te Anau ansässiger Touranbieter möglich. Die Küsten und auch die Berge um den Doubtful Sound herum gelten als nahezu unberührt. Neuseeland so sehen, wie es einst gewesen ist…den Wunsch, den ich hatte.

Nachdem mich der Shuttlebus an meinem Campingplatz abgeholt hat, fahren wir zunächst ins 20 Minuten weiter südlich gelegene Manapouri, von wo aus wir auf ein erstes Boot umsteigen, um den Lake Manapouri zu überqueren. Nach etwa 45 Minuten erwartet uns auf der anderen Seite des Sees ein zweiter Bus, der uns über den Mount Wilmot chauffiert und uns zu unserem eigentlichen Schiff bringt. Und dann fahren wir den Fjord entlang…raus bis zum Meer, zur Tasmansee und wieder zurück. 3 Stunden dauert die Fahrt und kein anderes Zeichen von Zivilisation weit und breit.

Mein Highlight der Tour: Wie wir das offene Meer erreichen und in Richtung Fjord zurückwenden, steuert unser Kapitän gezielt an einer kleinen Inselgruppe vorbei und hält dort kurz…50 Meter vor mir kann ich vier kleine “Fjordland Crested“-Pinguine (zu deutsch: Dickschnabelpinguin oder Fjordlandpinguin) sehen, die nur hier im Süden Neuseelands zuhause sind und zu den seltensten Pinguinarten der Welt gehören. Neugierig kommen die Kameraden aus dem Inneren einer unscheinbaren Öffnung im Fels gewatschelt, als sie das Boot hören und stehen da…beobachten uns irritiert und zugleich neugierig. Pinguine! Ich fass es nicht!

Über den Mount Wilmot zum Doubtful Sound.
Schon hier ist die Aussicht atemberaubend!
Hello Doubtful Sound!
Und los…

Schließlich draußen am Meer…
…die kleine Inselgruppe…
…und die Fjordland Crested-Pinguine.
Und wieder rein in den Sound…
Eines der bekanntesten Fotomotive auf neuseeländischen Tourismusunterlagen.

Auf dem Lake Manapouri.
Auf dem Lake Manapouri.
Auf dem Lake Manapouri…wo die Sonne zunehmend fotounfreundlich steht.
…ich lass es ja schon!
See ya, Fjordland Nationalpark!

Neuseeland, Milford Sound Highway

Nach 1 ½ Wochen auf Tour bin ich inzwischen im Fjordland Nationalpark im Südwesten der Südinsel angekommen. Während der südliche Teil des über 12.500 Quadratkilometer großen Areals bis heute recht unerschlossen ist und auch keine Menschen in diesem Gebiet wohnen, gibt es im oberen nördlichen Teil eine Hand voll kleinerer Siedlungen und unzählige Möglichkeiten, den Nationalpark zu Fuß zu erkunden. Über 12.500 Quadratkilometer, auf denen sich breite Meeresarme zu azurblauen Seen und wilden Flüssen, zu Ebenen voller grün leuchtendem Farn und mit Moos überzogenen Waldböden, zu dichten Nadel- und uralten Laubwäldern, zu beeindruckenden Felsformationen, über die Wasserfälle Richtung Erde prasseln, vortasten.

Die zwei bekanntesten Buchten bzw. Fjorde im Fjordland sind der Milford Sound und der Doubtful Sound, zu denen auch Touren angeboten werden und die man so von einem Boot aus näher betrachten kann. Der Startpunkt der Touren in den Milford Sound beginnt 122 Kilometer nördlich dem kleinen 2.000 Einwohner-Städtchen Te Anau, in dem ich vorübergehend mein Lager aufgeschlagen habe. Bereits die Anfahrt zu benanntem Startpunkt über den Milford Sound Highway soll unbeschreiblich schön sein, was ich mir natürlich anschaue…

Mein Trip beginnt erstmal damit, dass ich vor lauter Vorfreude mit erhöhter Geschwindigkeit aus Te Anau rausfahre und plötzlich ein blinkendes Polizeiauto in meinem Rückspiegel sehe. 80,- NZD (Neuseeländische Dollar); umgerechnet etwa 45,- EUR (Euro). Die Ordnungshüterin verkündet stolz, dass die Rechnung an meine Anschrift in Deutschland geschickt wird, ich den Betrag aber auch vorab bereits per Kreditkarte auf der Homepage drivesafe.org.nz begleichen kann. Vielen Dank!

Danach führt meine Fahrt langsamer zunächst durch klassisches neuseeländisches Weideland, auf dem unzählige Schafe mit ihren aktuell etwa 1-2 Monate alten Lämmchen am grasen sind. Weder an diesem wunderschönen Weideland noch an den Tieren darauf kann ich mich satt sehen und so wandert mein Blick freudestrahlend von links nach rechts und wieder zurück. Nach einigen Kilometern verändert sich schließlich das Landschaftsbild und es wird rauer. Ich fahre nun tiefer ins südliche Alpenland hinein. An meinem Fenster ziehen vor allem Wälder vorbei, die von Zeit zu Zeit lichter werden und dann den Blick auf große ausgetrocknete Flußläufe und typische Tundra-Ebenen freigeben. Die Straße ist sehr kurvig und unübersichtlich, wodurch ich trotz der erlaubten 100 Stundenkilometer nun mit nur etwa 50-60 Stundenkilometer und somit deutlich unter der zulässigen Höchstgeschwindigkeit vorankomme. Dem Neuseeländer hinter mir macht das vermutlich mehr aus als mir; er kennt die Strecke und will zügig an sein Ziel, ich fahre gerade mein Ziel entlang und bestaune die Umgebung.

Wie ich nach insgesamt 86 Kilometer “the divide”, den niedrigsten Ost/West-Pass der südlichen Alpen, passiere, verändert sich die Landschaft um mich herum erneut und der Milford Sound Highway führt mich tief in ein Tal hinab. Während die Felswand links von mir höher und höher wächst, eröffnet sich mir zu meiner Rechten ein riesiger Bergeinschnitt, der von schneebedeckten Gipfeln umgeben ist und durch den sich mittig ein gewaltiger Gebirgsfluss zwischen buntem Mischwald hindurchschlängelt. Und dann geht es wieder aufwärts. Zum Homer Tunnel. Ein gelbes Hinweisschild links der Fahrbahn bittet mich darum, den hier in der Region lebenden Bergpapagei Kea nicht zu füttern. Der Kea ist der einzige Papagei der Welt, der ausschließlich in den Bergen beheimatet ist und kommt nur hier im Süden Neuseelands vor. Wenn ich ihn sehe…nicht füttern. Verstanden.

Vor dem Homer Tunnel stehe ich erstmal vor einer roten Ampel. Die Öffnung zum Tunnel ist auf 922 Metern über Meeresspiegel der höchste Punkt des Milford Sound Highways und der Tunnel trotz oder gerade wegen der Länge von 1,2 Kilometern nur einspurig befahrbar. Als die Ampel schließlich auf grün schaltet, stelle ich fest, dass der Durchgang innen so ausschaut, als würde er sich noch im Rohbau befinden, während ich auf 793 Höhenmeter runter fahre. Mit Druck auf den Ohren gelange ich in ein weiteres Tal, das von den Felswänden links und rechts erdrückt zu werden scheint und in dem ein bedrohlicher Nebelschleier über den engen Serpentinen hängt. Das gelbe Hinweisschild, das ich dieses Mal sehe, weißt mich nicht auf den Kea-Vogel sondern auf mögliche Steinlawinen hin und bittet mich darum, auf den nächsten Kilometern nicht anzuhalten sondern zügig durchs Tal zu fahren. Nachdem ich das Ende der Serpentinen erreicht habe, ohne dass mir von links oder rechts Gesteinsbrocken Kratzer in den Lack gemacht haben, führt mich die kurvige Straße die letzten 20 Kilometer durch wundervollen bunten Mischwald, bevor ich schließlich mein Ziel erreiche und am Ufer vor dem Eingang zum Milford Sound stehe.

Grob 45 Minuten später mache ich mich wieder auf den Rückweg. Es ist bereits später Nachmittag und so begegnen mir kaum noch Autos auf der Straße, da der Highway von Te Anau ausschließlich zum Eingang in den Fjord führt und die meisten Besucher in ihren Autos und Reisebussen bereits morgens hierher fahren und am frühen Nachmittag wieder den Heimweg antreten, um der Abenddämmerung in diesem Gebiet zu entgehen. Das Tal vor dem Homer Tunnel scheint sich bei meiner Rückkehr weiter eingenebelt zu haben, so dass die Fahrt nach oben zum Tunneleingang, auf der mich steigende Nebelschwaden begleiten, irgendwie gespenstisch wirkt. Oben angekommen, zeigt mir die Ampel vor dem großen, schwarzen Loch im Berg das rote Licht und ein Countdown daneben, dass ich noch knapp 10 Minuten zu warten habe, bevor die Ampel auf grün schalten wird und ich meine Fahrt fortsetzen kann. Entschlossen greife ich nach meiner Kamera auf dem Beifahrersitz und steige aus dem Auto. All zu viel ist von den Serpentinen und dem Tal vor mir aufgrund des grauen Schleiers nicht zu sehen aber gerade das verleiht meinen Fotos den gewissen Charme, den ich mir erhofft habe. Ich laufe über die verlassene, durch den Nebel ganz feuchte, Straße ein paar Meter in Richtung Abgrund, nehme meine Einstellungen an der Kamera vor und betätige den Auslöser.

Wie ich zu meinem Auto zurückkehre, registriere ich im ersten Augenblick nicht, was da regungslos auf meinem Autodach sitzt und mich anschaut. Und wie ich es schließlich registriere, realisiere ich es nicht. Ein vergleichbar riesiger Vogel beobachtet mich fixierend mit seinen kleinen Augen. Lange grün schimmernde Federn bedecken seinen Körper und sein Schnabel sowie seine Krallen wirken gigantisch, wie ich drei Meter vor meinem Autodach stehe. Ein Blick auf die Ampeluhr gibt mir einen Teil meiner Gelassenheit zurück; ich hab noch gute 5 Minuten, bis die Ampel auf grün schaltet. Ein zweiter Kea-Papagei erscheint aus dem Gebüsch auf der anderen Straßenseite, hüpft blitzschnell über den Asphalt und hoch auf mein Autodach. Während sich der Zweite schnurstracks mit seinem Schnabel an meiner Türdichtung zu schaffen macht und daran offensichtlich großen Gefallen findet, beäugt mich der Erste immernoch regungslos mit aufgeschlossenem Blick. Behutsam rede ich auf ihn ein, während ich langsam meine Kamera vor mein Auge führe und die Einstellungen auf die neue Gegebenheit anpasse. Selbst als ich meine Fotos gemacht habe und ohne Objektiv vor dem Gesicht noch näher ans Auto herantrete, um die Beiden von Nahem zu beobachten, lassen diese sich nicht aus der Ruhe bringen. Auch nicht, als der Ampel-Countdown schließlich 60 Sekunden anzeigt und ich langsam die Autotüre öffne, ins Auto steige, den Motor starte, losrolle. Über mir auf dem Autodach höre ich Getrappel, doch offenbar haben die Beiden kein Interesse daran, das Dach meines Vans zu verlassen. Erst als ich 200 Meter weiter vorn, kurz vor dem Tunneleingang, kurzzeitig mein Tempo etwas beschleunige und dann nochmal abbremse, sehe ich im Rückspiegel, wie die zwei Kameraden gelassen vom Autodach hüpfen und gemächlich über den Asphalt Richtung Gebüsch stolzieren.

Der Milford Sound Highway…on the road.
Am Lake Gunn.
Am Lake Gunn.
Am Homer Tunnel liegt Schnee…
Kannst du den Eingang erkennen?
Chasm Walk…auf dem bewundert werden kann, wie sich der Cleddau River seinen Weg durch die Felsen bahnt. Was auf dem Bild wie ein Ast wirkt, ist in Wahrheit ein langer Baumstamm…
 Der Milford Sound Highway…on the road.
Am Eingang zum Milford Sound.
DER Eingang zum Milford Sound!
Das Tal zum Homer Tunnel auf meinem Rückweg…
…und der Kea-Papagei.
Zugenebelt.

Neuseeland, Otago Peninsula

Glaubst du an Gott? Oder glaubst du an Allah, wie der Name des Herrn im Islam lautet? Glaubst du, dass sich dieser von Zeit zu Zeit durch Zeichen dir gegenüber zu erkennen gibt?

Die Otago Peninsula ist ein Naturschutzgebiet nordöstlich von Dunedin, der man eine einzigartige Flora und Fauna nachsagt. Albatrosse, verschiedene Pinguinarten, neuseeländische Seelöwen, Wale vor den Küsten, Delfine; hier besteht die Chance, diese Geschöpfe in freier Wildbahn und in ihrem natürlichen Lebensraum anzutreffen. Alleine schon die Fahrt die verwinkelte Küstenstraße entlang ist ein Erlebnis, auch wenn ich heute vor allem die Hoffnung hege, einen Pinguin oder Seelöwen in freier Natur zu sehen.

Ich habe mich vor meinem Aufbruch in der Stadt erkundigt, wo ich die beste Möglichkeit habe, diese einzigartigen Tiere anzutreffen ohne dafür eine der teuren Touristenführungen zu buchen, bei der lokale Farmer Auswärtige über ihr privaten Anwesen zu den entlegensten der Buchten bringen, wo die Wahrscheinlichkeit aufgrund geregelter Besucherströme grundsätzlich sehr hoch ist, etwas zu erspähen. Mein Weg führt mich zunächst an den nördlichsten Punkt der Peninsula, an dem ein Albatros-Schutzzentrum errichtet wurde, wo ich zunächst jedoch leider nur Möwen sehen kann. Die weißen Vögel sind überall; es ist laut und überall liegt Vogelkot. Der Bereich, in dem mehr von den weltgrößten Vögeln zu sehen ist, ist abgesperrt. “Entry with Guide only”. Um das Schutzzentrum zu unterstützen, trinke ich noch einen heißen Cappuccino im Cafè, das sich gleich rechts nach der Eingangstür befindet und fahre anschließend weiter…und wie ich die enge Küstenstraße zurückschleiche, die sich an den steilen Feldklippen entlangschlängelt, sehe ich doch tatsächlich prompt drei riesige Vögel, die sich rechts von mir in der Bucht mithilfe der Thermik im Kreis nach oben gleiten lassen. Ich muss mich auf die Straße konzentrieren und verliere die Albatrosse augenblicklich wieder aus den Augen.

Zu den nächsten beiden Stränden, an die ich mich auf unbefestigten Schleichwegen mit meinem Auto rantaste, wird mir leider, gefühlt kurz vor dem Ziel, jeweils der Zutritt verwehrt. “Privatgelände”; und hier in Neuseeland besitzen die Farmer Waffen. Über Infotafeln am dritten Strand werde ich schließlich daran erinnert, was ich bereits in der Ortschaft Timaru an der Ostküste gelernt habe: Pinguine sind nachtaktiv. Vereinzelt sehe ich die Spuren von Vogelfüßen im Sand, die sich von denen der Möwen unterscheiden und sich in den Dünen verlaufen. Immer wieder fällt mein Blick auf Infotafeln, die auf die Anwesenheit von Seelöwen und eben auch Pinguinen hinweisen und daran appellieren, dass man zum Schutz aller Beteiligten bitte einen angemessenen Abstand zu den Tieren halten soll. Und so laufe ich unter den neugierigen Blicken der Möwen und den tosenden Wellen den ansonsten verlassenen Strand entlang und hoffe darauf, dass sich mir irgendwo ein Seelöwe zeigt oder unter den Pinguinen Frühaufsteher existieren. Die Hinweise sind da, doch nichts zeigt sich mir.

Der vierte Strand, den ich ansteuere, ist gleichzeitig der vorletzte auf meiner Liste und es wird zwischenzeitlich auch langsam Abend. Wieder führt mich mein Anfahrtsweg über Schleichwege im Hinterland, die so eng sind, dass keine zwei Autos nebeneinander fahren können und für die wahrscheinlich nicht einmal angedacht ist, dass diese irgendwann mal asphaltiert werden, obwohl sie vereinzelte Häuser und Gehöfte hier im Hinterland mit der Welt draußen verbinden. Die Landschaft hier auf der Otago Peninsula ähnelt wohl ein bisschen der der Region Cornwall im Südwesten Englands; ich war noch nie dort aber dank meiner Mutter kenne ich die Liebesfilme der Autorin Rosamunde Pilcher, die meist dort spielen und dementsprechend dort gedreht werden. Wie ich am vierten Strand, am Victory Strand, schließlich ankomme, habe ich zunächst erstmal einen ordentlichen Fußmarsch vor mir, der mich durch Schafweiden führt. In Neuseeland ist momentan Lammzeit, wodurch überall auf den Wiesen kleine Lämmer und auch kleine Kälbchen umhertollen. Leider sind die Kleinen alles andere als zutraulich und nehmen panisch reißaus, wie sie mich sehen. Weiter führt mein Weg durch eine sandige Sumpflandschaft und dabei Dünen hoch und Dünen runter, bis ich nach einer gefühlten Ewigkeit am Wasser ankomme und wieder nichts außer ein paar Möwen sehe, die berechnend außerhalb der Wellenreichweite auf dem Sand stehen und sich dann blitzschnell die Muscheln und andere eventuell essbaren Dinge schnappen, die die Brandung ans Ufer spült. Raffinierte kleine Schreihälse! Ich laufe also abermals einen Sandstrand entlang und ziehe den Reißverschluss meiner Fleecejacke bis ganz nach oben, weil mich der kühle Wind, der vom pazifischen Ozean herzieht, frösteln lässt. Die Hoffnung, etwas wertvolles im Sand zu finden, dass vom Meer ausgespuckt wurde und mich reich macht, habe ich inzwischen aufgegeben und die hübschen Muschelschalen, die in den verschiedensten Farben aus dem Sand heraus leuchten, beginnen mich nicht mehr zu begeistern. Die Strümpfe in meinen offenbar undichten Schuhen sind zwischenzeitlich feucht und ich habe Hunger. Mit den Händen in den Hosentaschen schau ich nach oben in den Himmel und mit der Vorstellung an einen Verbündeten, der jeden von uns freundschaftlich umgibt und wohlwollend jeden einzelnen unserer Schritte mitverfolgt, beschwichtige ich in leisem Ton: Pinguine, Seelöwen, Wale, Delfine…ich könnt jetzt schreien und betteln…aber eigentlich will ich gar nichts erwarten…und trotzdem wäre es schön, wenn ich irgendwas sehe…nur einen…”.

Und wie ich ausgesprochen habe und nach rechts oben vor mir in die Dünen schaue, traue ich meinen Augen nicht. Übers ganze Gesicht grinsend strahle ich: “Das ist jetzt aber nicht dein Ernst…ist das etwa ?…nee, komm, das kann doch jetzt nicht sein!” 50 Meter vor mir in der Düne liegt schlafend ein neuseeländischer Seelöwe. Riesengroß, geschätzt 2 Meter, gemütlich eingebettet im Sand, überall Fliegen auf ihm drauf, weil er schon aus 10 Meter wirklich fürchterlich nach altem Fisch stinkt! Ein echter neuseeländischer Seelöwe. In freier Natur. In seinem natürlichen Lebensraum. Wie ich meine Fotos gemacht habe, stehe ich reglos etwa 3 Meter vor dem unwirklich aussehenden Lebewesen und beobachte ihn beim schlafen. Mit Tränen in den Augen.

50 Meter vor mir in der Düne liegt schlafend…
…ein neuseeländischer Seelöwe.
Die Otago Peninsula vom Mount Cargill.
Beim Albatros-Schutzzentrum gibt’s auch Möwen…
On the Road…Otago Peninsula.
Die raffinierten Schreihälse…
Der Strand Nummer 4…der Victory Strand.
On the Road…Otago Peninsula.
On the Road…Otago Peninsula.
Der Eingang zum fünften Strand…
…an dem ich schließlich nochmal Seelöwen sehe.

Otago Peninsula.
By the way: Die Baldwin Street, laut dem Guinness-Buch der Rekorde die steilste Straße der Welt.

Neuseeland, Oamaru

Ich fahre zurück Richtung Ostküste und lasse das Hochland fürs Erste hinter mir. Bevor mich das Gefälle des State Highway Nummer 8 spürbar zurück in die Küstenregion hinab führt, passiere ich das Königreich Gondor oder zumindest die Pelennor-Felder, auf denen einst die große Schlacht zwischen der Armee Mordors und dem letzten Widerstand der Menschen ausgetragen wurde. Die Original-Drehorte für diese Szenen des Filmepos “Herr der Ringe” liegen leider auf dem Privatgelände einer großen Schafs- und Milchfarm und sind von der Straße aus nicht zu sehen. Mir reicht es allerdings auch schon nur zu wissen, dass es sich hier irgendwo vor mir zugetragen hat…und mein Blick wandert verträumt über das Gebiet vor mir.

Die Abfahrt wird steiler und das Gelände verändert sich. Die Struktur wird wieder runder, hügeliger, die Wiesen werden grüner und sind mithilfe von klassischen Lattenzäunen aus Holz liebevoll zu Quadraten abgesteckt, auf denen in regelmäßigen Abständen, Schafe, Kühe oder vereinzelt auch Pferde grasen. Zwischen den Hügeln kommen immer wieder vereinzelte Bauernhöfe zum Vorschein und passend zu dieser Szenerie kommt nach Tagen wieder einmal richtig die Sonne raus. Diese Bilderbuch-Landschaft sprüht eine unglaubliche Harmonie aus und ich werde unweigerlich an einen anderen Film erinnert, in dem der Hauptdarsteller ohne wenn und aber aus dieser Gegend zu stammen beziehungsweise sein Hof hier irgendwo zu stehen hat. Das Schweinchen namens Babe war ein Kiwi!

Und dann erreiche ich Oamaru, ein anderes nicht all zu großes Küstenstädtchen, in dem ich mich kurzerhand entscheide, die Nacht zu verbringen, da es bereits Nachmittag geworden ist. Nachdem ich einen Stellplatz für die Nacht ausfindig gemacht habe, fahre ich nochmal zurück ins Dorfzentrum und schlendere noch ein wenig durch die Straßen. Oamaru war früher einmal ein sehr bedeutender Fleischlieferant und aufgrund regem Seehandel im eigenen Hafen sehr wohlhabend, wodurch heute einige sehr beeindruckende Gebäude im englischen Baustil die Hauptstraße schmücken. Südlich vom Stadtzentrum erstreckt sich ein altes viktorianisches Geschäftsviertel, welches mir besonders gut gefällt. Die alten Fachwerkgebäude mit riesigen Glasfenstern und großen Eingangstüren wirken unglaublich einladend und so trödel ich die Tyne Street und Harbour Street entlang, die von staubigen Antiquitätenläden, alten Buchhandlungen, gemütlichen Cafès, pfiffigen Galerien und allerlei Fachgeschäften tüchtiger Schmiede, Steinmetze und Schneider bewohnt sind. Volle Begeisterung und viele nette Gespräche lassen mich schließlich vergessen, wo ich bin und wie viel Uhr es ist…im Nachhinein wäre ich hier gerne noch etwas länger geblieben.

Das Königreich Gondor.
Die Landschaft um Oamaru.
Die Landschaft um Oamaru.
Die Straßen von Oamaru.
Die Straßen von Oamaru.
Die Straßen von Oamaru.
Die Straßen von Oamaru.
Die Straßen von Oamaru.
Die Straßen von Oamaru.

Neuseeland, Hooker Valley Track

Das schummrige Licht, das zwischen den Gardinen meines Vans hindurchdrückt, verrät mir bereits, dass kein Sommertag auf mich wartet. Ich strecke mich noch einmal so gut man sich in einem Van bei einer Körpergröße von 1.90 Meter eben strecken kann, schlage die warme Decke zurück und öffne die linke Schiebetür. Kalte Morgenluft strömt mir entgegen und ich erinnere mich augenblicklich daran, dass ich eine Fleecejacke im Auto habe. Ich habe die letzte Nacht auf einem Parkplatz am Ufer des Lake Pukaki verbracht, der diesen Morgen unruhig Wellen in Richtung Steinstrand schiebt. Es regnet.

Ich lass das Auto kurz auslüften und verstaue mein Bettzubehör im hinteren Teil des Wagens; das Frühstück verschiebe ich heute auf einen späteren und vielleicht etwas gemütlicheren Zeitpunkt. Für heute habe ich einen Ausflug ins hintere Bergland, in den Aoraki/Mount Cook National Park, geplant, wo der Hooker Valley Track zum Hooker Lake am Fuße des Mount Cook führt. Der Mount Cook, in der Maori-Sprache Aoraki genannt, ist mit 3.754 Metern der höchste Berg Neuseelands und gleichzeitig Australasiens. Hoffentlich hört der Regen später auf…

…hört er nicht! Nach einer guten Stunde Autofahrt erreiche ich den Parkplatz, von wo aus der Track startet und das Wetter ist unverändert schlecht. Ich überlege einen kurzen Moment, ob ich mein Vorhaben verschieben soll, entscheide mich aber schließlich, den Walk durchzuziehen, da ich extra hierfür hergefahren bin und sich die Möglichkeit zu einem späteren Zeitpunkt ohne größere Umwege zu fahren, nicht mehr ergeben wird. Ist ja eigentlich auch nur Wasser. Also los!

Eingepackt in meine Regenjacke gehe ich los, mein Frühstück in Form belegter Brötchen und einer Banane als Wegproviant in meinem Rucksack verstaut, der ebenfalls in eine wasserundurchlässige Hülle gepackt ist. Unter der Gürtellinie trage ich eine kurze Hose…die wird weniger feucht als eine lange Hose. Der Weg führt mich einen schmalen Fußpfad entlang, der sich vom Landschaftstyp her durch eine klassische Bergtundra zieht, die zu beiden Seiten von hohen Bergmassiven umgeben ist. Zu meiner linken Seite schlängeln sich schmale Bergseen mit azurblauem Wasser und dreimal kann ich meine Tour nur dank riesiger Hängebrücken fortführen, da mich diese sicher über tiefe Schluchten geleiten, die sich im zickzack durchs Gelände ziehen. Das trübe Wetter trübt leider auch den Blick und so marschiere ich großteils durch eine von Nebelschwaden durchzogene Schlechtwetterfront, die das ganze Terrain nur umso gespenstischer erscheinen lässt, was vielleicht aber auch gerade den besonderen Charme ausmacht.

Nach etwa 90 Minuten erreiche ich schließlich den Hooker Lake und lasse mich von der besonderen Aura faszinieren. Eingebettet zwischen steilen Felswänden ruht er still vor mir und lässt den kühlen Nieselregen über sich ergehen. Was den größten Berg Neuseelands angeht, so wurde mir bereits im Voraus prophezeit, dass ich vermutlich nicht allzu viel von ihm sehen werde, da sich der Gigant die meisten Tage des Jahres inmitten einer dichten Nebelbank versteckt hält. Aoraki bedeutet übersetzt übrigens “der die Wolken durchbohrt”.

Trotz des Wetters halte ich einen Moment inne, setze mich auf einen großen Stein in Ufernähe und genieße mein Frühstück.

Auf dem Weg zum Lake Alexandrina.
Lake Pukaki.
Die Kapelle am Lake Pukaki.
Nochmal Lake Pukaki.
Auf dem Hooker Valley Track.
Auf dem Hooker Valley Track.
Ziel…der Hooker Lake.
Hooker Lake. Und der Mount Cook im Hintergrund.
On the road again…

Neuseeland, Lake Tekapo

…nachdem ich gestern Abend noch ein Stück weit die Küste in Richtung Süden entlang gefahren bin, steuere ich heute in Richtung Westen. Bevor mich meine Route weiter entlang der Küste führt, mache ich einen Abstecher ins bergige Hinterland, wo einzigartige Bergseen auf mich warten sollen. Irgendwo hatte ich gelesen, dass sich Neuseeland hinter jeder Kurve neu erfindet und die Landschaft aufgrund der vielen verschiedenen Höhenmetern auf engstem Raum unterschiedlichste Facetten bietet. Und so ist es schließlich auch. Ich fahre in meinem Van die kurvige Landstraße entlang und an meinen Seitenfenstern ziehen dunkle Nadelwälder, tiefe Täler und karge Ebenen vorbei, die sich bis zum Horizont zu erstrecken scheinen, während der kühle Südwind an meine Beifahrertür hämmert und im Radio der Woodkid-Song “run boy run” gespielt wird.

Wie ich den Lake Tekapo schließlich erreiche, staune ich nicht schlecht. Er ist größer als ich gedacht habe und das Panorama ist überwältigend. Über einen Campingplatz-Navigator, den ich mir in Christchurch vor meinem Aufbruch auf mein Smartphone geladen habe, finde ich einen etwas abgeschiedenen und sehr günstigen Campingplatz, den ich mir näher anschauen möchte und fahre über ein unscheinbares Sträßchen weiter ins Hinterland, wodurch ich den See aus weiteren Perspektiven zu sehen bekomme, was mein Gesicht zum Strahlen bringt. Autos kommen mir inzwischen keine mehr entgegen und plötzlich verwandelt sich die asphaltierte Straße in eine staubige Schotterpiste. Mein Hunger nach Abenteuern ist zwischenzeitlich wieder vollständig erwacht und so lasse ich mich hiervon natürlich nicht aufhalten…und erreiche den kleinen Lake Alexandrina. Das Tor des Campingplatzes, der sich unmittelbar neben dem Gewässer befindet, ist weit geöffnet und die Wohnwagen klassischer Langzeitcamper stehen akkurat nebeneinander, von Menschen fehlt jedoch jede Spur. Einzig zwei kleine Wildkaninchen grasen im Eingangsbereich, springen allerdings panisch davon, als sie mich wahrnehmen und zwei Enten watscheln gemütlich schnatternd an mir vorbei. Bei genauerem Hinschauen, sind die Wohnwagen offenbar noch eingewintert, laut einem großen Schild neben dem Tor ist der Platz allerdings schon seit Anfang September geöffnet, wodurch ich in meinem Van langsam in den Platz hinein rolle und mein Fahrzeug unweit der Sanitäranlagen positioniere. Ein schlechter Horrorfilm könnte durchaus so anfangen…

Glücklich, endlich den Platz für die Nacht gefunden zu haben, schlendere ich mit einer Dose Bier und meiner Kamera ans Ufer des Lake Alexandrina, der im Sommer, den zahlreichen Booten im Uferbereich nach, ein beliebter Ort für Angelausflüge zu sein scheint, setze mich auf ein Bänkchen direkt am Wasser und öffne den Dosenverschluss passend zum Sonnenuntergang.

Der Ort, der sich im Zentrum eines kleinen Naturschutzgebietes befindet und der Augenblick, den ich ohne eine andere Menschenseele um mich herum genießen darf, sind in Verbindung miteinander etwas ganz besonderes. Ich spüre Frieden in mir.

Unendliche Weiten…
…und windig ist es.
Lake Alexandrina
Lake Alexandrina
Lake Alexandrina
Lake Alexandrina
Eines meiner Lieblingsbilder…
Lake Alexandrina

Neuseeland, Akaroa

Nachdem ich in den vergangenen Tagen eine grobe Route über die Südinsel Neuseelands erarbeitet und mich nach einer günstigen Fortbewegungsmöglichkeit umgesehen habe, geht es heute endlich los. Ich habe mich dazu entschieden, einen Campervan für 3 ½ Wochen zu mieten und schlage damit gleich zwei Fliegen mit einer Klappe. Zum einen bin ich unabhängig, was meine Reiseroute angeht und zum anderen spare ich Geld bei den Unterkünften, da sich mein Nachtlager in Form einer großen Matratze über die Rücksitze erstreckt. Im Kofferraum habe ich zusätzlich eine kleine Küche in Form eines Spülbeckens, einem gasbetriebenen Campingkocher und allem notwendigen Geschirr mit im Gepäck. Ich hoffe, 3 ½ Wochen sind ausreichend…oh man, ich bin aufgeregt wie ein kleines Kind an Weihnachten!

Mein Weg führt mich nach Süden und meine ersten Kilometer erstrecken sich über die kurvigen Landstraßen der Banks Peninsula (einer Halbinsel im Südosten von Christchurch). Bereits nach den ersten Minuten bin ich geflasht von dem Anblick, der sich mir hier außerhalb der Stadt bietet. Saftige grüne Wiesen, große grasbewachsene Hügel und auf der rechten Seite der Straße schroffe felsige Klippen, die in der Gischt des stürmischen Pazifik-Wassers verschwinden.

Das kulturelle Highlight der Halbinsel ist Akaroa und ich habe von verschiedensten Seiten gehört, dass ich hierhin unbedingt einen Abstecher machen muss. Eingebettet zwischen grasbewachsenen Hügeln, die momentan aufgrund der hier weit verbreiteten und sich momentan in der Blüte befindenden Stechginster alle in gelb erstrahlen, liegt das hübsche Küstendörfchen in einer kleinen Bucht geschützt vor dem rauen pazifischen Ozean. Nachdem ich meinen Van geparkt habe, laufe ich gemütlich die Uferpromenade entlang und schlendere durch die verwinkelten Souvenirlädchen auf der Suche nach “etwas Besonderem”. Wie ich schließlich am Hafen ankomme und den Bootssteg aus Holz rauslaufe, finde ich “etwas Besonderes” in Form einer alten Dame in einem kleinen Fish&Chips-Verkaufswagen, die mich freundlich fragt, ob ich vom Schiff komme, dass rund 4.000 Passagiere beherbergt und an diesem Tag einige hundert Meter weit draußen vor Anker liegt, bevor sie mir eine Portion lokalem Fisch und Pommes zubereitet. Um es in den Worten des Lonely Planet-Reiseführers auszudrücken: “Der Ort wirkt im Allgemeinen recht verschlafen, wird jedoch turnusmäßig von Touristenhorden überrannt, die von gigantischen Kreuzfahrtschiffen aus einen Landgang machen.”. Und um das Ganze um die Worte der alten Dame abzurunden: “Die kommen jetzt jeden Tag bis zum Herbstanfang. Jeden Tag ein anderes Schiff mit Menschen von überall her auf der Welt. Für mich wäre das ja nichts; im Urlaub will man doch schließlich seine Ruhe haben”.

Jenny? 😉

…und mein Van.
…und mein Van.
…und mein Van.
…und mein Nummernschild, Mona 😀

Australien, Halbfinale der Australian Football League

Durch Zufall bin ich auf das Top-Spiel am heutigen Samstag gestoßen. Heute morgen in Melbourne gelandet, habe ich mich nach meiner Ankunft im Hostel zunächst nochmal auf die Suche nach “Melbournes must see” im Internet gemacht und bin dabei recht schnell auf das MCG (Melbourne Cricket Ground) Stadion im Yarra Park gestoßen. Durch die frühe Eröffnung im Jahre 1854 und die vielen dadurch bereits stattgefundenen Ereignisse ist das Stadion eines der bedeutendsten Australiens und durch den 2006 abgeschlossenen Umbau mit 100.024 Sitzplätzen heute eines der größten Stadien der Welt. Und prompt sehe ich, dass sich die AFL aktuell in der Finalserie der Pokalspiele befindet und am heutigen Abend das Halbfinale zwischen dem Team des Melbourner Stadtteils Collingwood und den GWS Giants, einem Team aus dem Westen Sydneys stattfindet. Tickets waren noch verfügbar…online gekauft.

Das Spiel startet um 19.25Uhr aber da ich keine Ahnung habe, was mich erwartet, bin ich früh dran und marschiere bereits gegen 18.00Uhr auf das Stadion-Areal. Bereits jetzt ist einiges los und ich befinde mich inmitten schwarz-weiß gekleideter Menschen, den Fans des Melbourner Teams, “The Magpies”. Das Stadion ist gewaltig und es dauert einige Zeit, bis ich meinen Sitzplatz finde…und dann warte ich. Es hat zwischenzeitlich angefangen zu regnen und ich freue mich, dass sich mein Sitzplatz im überdachten, windstillen, nordwestlichen Flügel befindet. Im Vergleich zu Darwin, wo ich die vorherigen Tage verbracht habe, ist es leider empfindlich kalt in Melbourne. Über Nacht sind die Temperaturen in den einstelligen Bereich gefallen und ich trage über meinem Tank Top mein Longsleeve Shirt, meinen grauen Hoodie und meine Regenjacke, um mich vor der Kälte zu schützen.

TaTwo, Bolle, könnt ihr euch noch erinnern: …tropf…

…und dann beginnt die Nationalhymne. Ich habe leider nirgends einen Anhaltspunkt darüber erhalten, wie viele Gäste im Stadion sind aber schätze grob 65.000, die nun alle stehen und lautstark mitsingen. Wow! Ich hatte mich zuvor noch ein wenig in die Regeln eingelesen, um zumindest etwas vom Spiel und der Spielweise zu verstehen, aber was sich mir hier nun als nächstes bietet, ist einfach nur hart. Beim Australian Football sind pro Mannschaft 18 Spieler auf dem Platz, die alle auf den Ball gehen, einen Torwart gibt es nicht. Also 36 Leute, die einem Ball hinterherrennen und etwas rundes muss hier auch in nichts eckiges. Bei dem Ball handelt es sich um einen länglichen Football, bei den Toren um vier Stangen, die gerade in den Himmel ragen und je nachdem, wo der Ball durchgeht, werden unterschiedlich viele Punkte gewertet. Aufgrund der Ballform springt dieser kreuz und quer auf dem Spielfeld umher, man darf schubsen, ziehen und den Ball in die Hand nehmen, den der Ball kann per Fußkick und Handpass gespielt werden. Es scheint im ersten Moment, als sei das einzige Hindernis das Prellen des Balls, das spätestens alle 15 Meter erfolgen muss. Die Grundregeln sind schnell verstanden, aber das Spiel ist wie auch Eishockey schnell und hart. Die meisten australischen Männer sind groß und breit gebaut, wie auch die Spieler hier auf dem Feld. Hünen, die verbissen um jeden Meter Ballbesitz kämpfen und dabei wirklich vollen Körpereinsatz zeigen. Es macht unheimlich Spaß zuzuschauen!

…und so ziehen die 4 Quarter mit je etwa 30 Minuten Spielzeit langsam vorbei, das Spiel ist größtenteils ausgeglichen und es bleibt bis zuletzt spannend. Als der Schlusspfiff ertönt, liegen die Magpies mit 69 zu 59 Punkten in Front. Heimsieg.

Was für ein Spaß!

Das legendäre MCG (Melbourne Cricket Ground) Stadion im Yarra Park.
…und von überall her stürmen schwarz-weiß gekleidete Magpies-Fans.
Mein erster Blick aufs Spielfeld.
Go Magpies!
Letztes Quarter und die Teams sind verbissen wie im Ersten.
Präsentation des Magpies-Nachwuchs in der Spielpause. Niedlich wie die Bambinis vom Eishockeyverein EV Ravensburg. 🙂

Australien, Fischen im Kakadu Nationalpark

Bist du im Northern Territory unterwegs, so kommst du mit einem Thema definitiv in Berührung. Fischen. Hier im Norden Australiens dreht sich alles um den großen Fang. Man könnte mich wohl als Fisherman’s Friend betiteln, denn mein Kumpel Kyle ist definitiv jemand, der weiß, wie man fischen geht. Bei meinem letzten Aufenthalt vor einem guten Jahr in Kyle seinem Haus sind wir einen Tag mit dessen Boot auf den Adelaide River zur Krabenjagd rausgefahren, heute konzentrieren wir uns aufs Angeln mit der Route und lassen die Gitterboxen zuhause im Schopf.

Die rote Kühlbox hingegen kommt wie gewohnt mit und ist mit ausreichend Bier sowie Jack’s für Kyle gefüllt. Ein paar Snacks sind im Boot verstaut, die spezielle Fischerkleidung ist angelegt. Los geht’s. Nach circa 45 Minuten, von denen wir etwa die Hälfte auf unbefestigten Feldwegen aus Sand und Staub zurücklegen, erreichen wir eine staubige, kahle Fläche, auf deren äußerem Rand ein paar Mülltonnen aufgestellt wurden…ein Parkplatz mitten im Nirgendwo…außer uns ist niemand da. Direkt hinter dem Stellplatz erstreckt sich der Billabong at Hardy’s am Rande des Kakadu Nationalparks, den Kyle als Ziel für heute auserkoren hat. Billabong ist ein Begriff aus der Sprache der Aborigines, den Ureinwohnern Australiens, und steht für ein Gewässer, dass sich während der Regenzeit mit Wasser füllt und über die trockenen Monate hinweg dann langsam austrocknet.

Kyle fährt mit seinem Auto rückwärts die Rampe aus festgetretenem Dreck zum Ufer runter, bis der Anhänger und das Boot vollständig im Wasser stehen. Kleine Wellen schwappen in Richtung Gewässermitte davon. Die Sonne scheint am wolkenlosen azurblauen Himmel, es ist mit etwa 35°C und deutlich höherer Luftfeuchtigkeit als in Europa schon fast zu heiß und das Wasserloch, das sich von hier aus kilometerweit über schmalere und breitere Läufe ausgebreitet hat, ruht still vor uns…fast habe ich vergessen, dass es hier giftige Spinnen gibt, Schlangen gibt und vor allem ganz gefährlich…Krokodile gibt. Mit wachen Augen treten Kyle und ich ins Wasser und machen das Boot los, während Sophie bereits an Land aufs Boot geklettert ist und nun von Bord aus die Umgebung und das Wasser um uns herum beobachtet. Das Wasser ist ruhig…zu sehen ist in der braunen Suppe ohnehin nichts. Während Kyle das Auto wegfährt, stehe ich mit einem mulmigen Gefühl am Uferrand und halte das Boot mithilfe eines Taus fest.

Fünf Minuten später haben wir alle drei im Boot Platz genommen und Kyle steuert das Boot in den Billabong hinaus. Ich öffne das erste Bier der Marke Great Northern und lehne mich in meinen Campingstuhl zurück. Ich genieße den kühlen Fahrtwind und beobachte das vorbeiziehende Ufer, während Kyle nach einer geeigneten Stelle Ausschau hält, an der es die Köder auszuwerfen lohnt.

…und wie wir über die Ausläufe des Billabong dahin schippern, ändert der Himmel langsam seine Farbe von blau zu orange und die ersten Tiere kommen aus ihrem Unterschlupf, der sie vor der heißen Mittagssonne Australiens beschützt hat, hervor, um am Ufer zu grasen oder sich im Wasser zu erfrischen. Wallabys, Kängurus, Vögel in jeglicher Größe und Farbvariation, Wasserbüffel und auch ein paar erste kleinere Krokodile. Gerade die Kängurus und Wallabys wieder in freier Wildbahn zu sehen, erfüllt mich mit einer großen Zufriedenheit. Ein sehr schöner Moment. Wir werfen den Anker schließlich in einer kleinen Bucht aus und die Fischköder an unseren Angelhaken sinken zusammen mit der Sonne aus unserem Blickfeld.

Der Himmel ist sternenklar, doch die Nacht ist dunkel. Es ist Neumond. Mit Stirnlampen ausgerüstet sitzen wir gemütlich im Boot, werfen den Haken ein ums andere mal aus und genießen die abgekühlte Nachtluft. Es ist einer dieser perfekten Abende…solange die Lampen ausbleiben. Schalte ich meine Stirnleuchte an, um die Angel vor mir zu prüfen, so stürzen sich augenblicklich gefühlt alle Fluginsekten Nordaustraliens auf den Lichtkegel über meinen Augen und sowohl sehen als auch atmen fällt mir schwer. Die Schnur ist richtig aufgewickelt…schnell wieder ausschalten…jetzt hat Sophie ihre Lampe angeknipst…ich atme tief durch den offenen Mund.

Gegen 23.00Uhr drängt uns nach sechs Stunden dann schließlich langsam der Hunger zur Rückkehr. Mit Scheinwerfern, die am Bug des Bootes angebracht sind, tasten wir uns behutsam zurück zum Anlegeplatz und ich achte mithilfe meiner Stirnlampe auf aus dem Wasser herausragende Bäume und Steine. Regelmäßig trifft der Lichtstrahl meiner Stirnlampe nun auch auf kleine reflektierende Punkte im Uferbereich; die Augen von Krokodilen, die im seichten Wasser auf Beute lauern. Die aktive Zeit der Urwesen ist angebrochen…aber um unsere Anlegestelle am äußeren Rand des Billabong herum ist es zum Glück ruhig und unsere Lichtstrahlen werden von nichts reflektiert.

Thanks for a new awesome experience, mate!

Bereit zur Abfahrt.
…und rein mit dem Kahn.
Der Billabong.

Ob das wohl der aus dem Film Crocodile Dundee ist…

Cheers mate!